Ketchup in the Sky – Episode Two

The Art of not becoming a fucking 08-Mustermensch

„Godot was here“, „Clapton is Bog“, „Big Brother is touching you“, „Bodo lives“, „Godzilla wasn’t here“- und viele andere Dauermauerkalauer fehlen hier zu unserem diskreten Entsetzen. Da sind uns leider die Wände geschwunden. Ho ho ho. Unsere Top-Sprayer Vladimir und Estragon waren leider schon weg.
(Artwork: Munich Globe Bloggers – with kind alienation of movie stills and stuff)

It’s like I was playing some kind of game, but the rules don’t make any sense to me. They’re being made up by all the wrong people. I mean no one makes them up. They seem to make themselves up.

Benjamin Braddock in The Graduate by Mike Nichols, 1967

(Hier geht’s zu: Ketchup in the Sky – Episode Zero)

Ob bewusst oder unbewusst, die Helden des Nichterwachsenwerdenwollens verbindet ein solider Dislike der E-Welt. Holden Caulfield1 etikettiert quasi alle Erwachsenen mit dem Standardlabel „phony“ (falsch, verlogen, fake). Das trifft sich mit Erving Goffman: Wir alle spielen Theater.2 Der soziologische Regalbuster über die tägliche Selbstinszenierung. Nach dem Ablegen der Jugendkokons entern soziale Rollen die Kommandobrücke, gefüttert mit gesellschaftlichen und persönlichen Erwartungen. In den Rollen verabschieden sich die eigenen Bedürfnisse zugunsten von Klischees, Idealbildern und deren Inszenierung. Social Photoshopping. Aus Sicht eines vergleichsweise rollenarmen Teenagers oder Early-Twens dünken Adults wie fucking Telenovela-Staff. Je mehr und gegensätzlicher die einzelnen Rollen, desto größer der gefühlte Phony-Faktor.

Jungs, die sich diesem Bullshit entziehen, werden von reaktionären Analogfuzzis gerne mit dem Peter-Pan-Syndrom gestempelt. Damit eiern sie nicht mal in derselben Umlaufbahn. Peter Pan will nur endlos weiterspielen. Unsere erfundenen Gefährten winken Old Society mit dem Mittelfinger, weil sie keinen Bock haben auf die arschgegeigten Rollenmuster und Erwartungen einer bis ins kleinste Detail formatierten Gesellschaft powered by phonyness.

Bei aller gefühlter Kopf-Messieness wissen Alex, Ben, Harold, Holden, Mathias und Withnail3 ziemlich genau, warum sie nicht werden wollen wie Dadda und Emme, wie Mr. und Mrs. Robinson, wie Mrs. Chasen und Uncle Victor: Living Dead. Zombies, allesamt.

From one perspective, The Graduate is a film about a young man who achieves his independence by willfully opposing his parents‘ wishes and expectations, and how this comes at the cost of his charm and innocence; but it also concerns Mrs. Robinson’s unconscious desire to rediscover her lost youth.4

Für unser Referenz-Ensemble bedeutet nicht erwachsen werden zu wollen das Gegenteil dessen, was ihnen aus E-Seite unterstellt wird. So lange die Gesellschaft einem Flopweg folgt, ist Verweigern allemal der bessere Weg in das nächste Lebenskapitel und führt viel wahrscheinlicher zu echter Unabhängigkeit. Das Erwachsenwerden der Analogfuzzis bedeutet, von einer Abhängigkeit in die nächste zu wechseln. Vom Hotel Mama ins Hotel Society.

Zu wissen, was nicht infrage kommt, ist der erste Schritt, es anders zu machen.

(Weiter zu Folge 3: Ketchup in the Sky – Episode Three)

Post-its

1) J. D. Salinger: The Catcher in the Rye (Der Fänger im Roggen), 1951.

2) Erving Goffman: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, 2003 (Original: The presentation of self in everyday life, 1959)

3) Alex aus A Clockwork Orange, Benjamin Braddock aus The Graduate (Die Reifeprüfung), Harold Chasen aus Harold and Maude, Mathias Grewe aus Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden und Withnail aus Withnail & I.

4) John Hutchinson: Pearl Fishers, The Douglas Hyde Gallery, 2014.

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