Ketchup in the Sky – Episode Zero

The Art of not becoming a fucking 08-Mustermensch

They’re selling hippie wigs in Woolworths, man. The greatest decade in the history of mankind is over. And as Presuming Ed here has so consistently pointed out, we have failed to paint it black.

Withnail and I, 1987

Unsere neue Serie schnabuliert ihre Inspirationen aus synaptischen Feuerwerkskisten. Bücher, Filme, Kunst und Mucke als Compañeros der gruseligsten und Houston-calligsten Situation zwischen existenziellem Einchecken und Auschecken: Erwachsen werden. Coming of age. Mit Blick auf all die Erika-und-Max-Mustermann-Adults raten wir allen jungen und allen noch nicht erwachsenen alten Leuten hochnachdrücklich davon ab. Bevor wir sherlockholmsen, warum das Erwachsenwerden (und -sein) nutzlos (vgl. Georg Heinzens und Uwe Kochs Studentenfutter1), dumm und spaßbremsig ist – und vor allem: wie es sich nachhaltig outsmarten lässt, – fummeln wir unseren roten Faden aus der Tasche: Den leider vergriffenen Essay Pearl Fishers von John Hutchinson, einem früheren Chef der Douglas Hyde Gallery in Dublin.

Hutchman begrübelt, wie unser ästhetischer Geschmack beeinflusst wird von Schlüsselereignissen in der Jugend und Spätjugend. Einer Zeit, in der es für Adoleszierende und Post-Adoleszierende der westlichen Sättigungsgefühlsgesellschaften wenig anderes zu tun gibt, als sich coolem Scheiß zu widmen.

I am convinced that a substantial proportion of our cultural and aesthetic tastes are rooted in key events that were enjoyed or suffered in early adult life, and that it serves us well to become conscious of this.2

Als notorische Verächter max-und-erika-mustermännischer Adultness bringen wir uns in Missionarsstellung und navigieren Hutchinsons Erkenntnisse im Lotterdienst unseres untergründigen Guerilla-Guides. Auf der How-to-avoid-adultness-Road begleiten uns lebenssturmzerzauste Galionsfiguren: Benjamin Braddock, Holden Caulfield, Harold Chasen3. And a few more strange birds.

Sie alle mittelfingern die Erwartungen einer phony Welt. Anders als die meisten Leute. Diese gesellen sich leider zur originalitätsreduzierten Copy-Paste-Fraktion. Damit haben unsere Galionsfiguren das Außenseiter-Diplom schon halb in der Tasche.

Im Prolog huldigt Pearl Fishers einem Film aus den 80ern, der weit unter dem Blockbuster-Radar flimmerte: Withnail and I von Regisseur Bruce Robinson. Spielplatz und Zeitstrahlmarkierung der Geschichte: London und nordenglische Pampa, 1969. Withnail und der Ich-Erzähler Marwood sind zwei spätjugendliche Schauspieler ohne Plan und Engagement, die in ihrer WG abslackern und dann einige Tage aufs Land flüchten. Hutchinson sieht die Spannung im „verwirrenden Übergang zwischen der Freiheit jugendlicher Verantwortungslosigkeit und den komplexeren Erwartungen des Erwachsenenlebens“. Another way of being lost in translation.

„Beide, Withnail und Ich, wissen, dass sie einen Punkt erreichen, von dem es kein Zurück gibt, und dass das Leben nie wieder dasselbe sein wird“, beleuchtet Hutchinson. Die 60er-Jahre als Dekade der großen Verweigerung, erwachsen zu werden. Und an deren Ende das Erwachsenwerden an die Tür klopft wie der Winter zum Jahresende?

Wie Danny, der Drogendealer sie erinnert, bleiben ihnen noch „einundneunzig Tage bis zum Ende des größten Jahrzehnts in der Geschichte der Menschheit – und es wird viele Flüchtlinge geben“.4

(Weiter zu Folge 1: Ketchup in the Sky – Episode One)

Post-its

1) George Heinzen & Uwe Koch: Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden, Rowohlt Verlag, 1985.

2) John Hutchinson: Pearl Fishers, The Douglas Hyde Gallery, 2014.

3) Benjamin Braddock (Dustin Hoffman) aus dem Film The Graduate (Die Reifeprüfung), 1967 – Holden Caulfield aus dem Buch The Catcher in the Rye (Der Fänger im Roggen), 1951 – Harold Chasen (Bud Cort) aus dem Film Harold & Maude, 1971.

4) John Hutchinson: Pearl Fishers, The Douglas Hyde Gallery, 2014.

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