Ketchup in the Sky – Episode One

The Art of not becoming a fucking 08-Mustermensch

There’s no business like avoiding Joe-Doe-Business, ho ho ho. Our friends here are pretty reliable in ignoring to get boring.
(Artwork: Munich Globe Bloggers – with kind alienation of movie stills and stuff)

Dass ich keinen Fernseher habe, ist für ihn so unglaublich, dass er es immer wieder vergisst. Man kann sich nur merken, was man sich auch vorstellen kann.

Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden, 1985

(Hier geht’s zu: Ketchup in the Sky – Episode Zero)

Gleich zu Beginn zählt die Ich-Figur1 auf, was sie alles nicht geworden ist: Lokomotivführer, Präsident, Urwalddoktor, Studienrat. Vater, Ehemann, ADAC-Mitglied. Vorgesetzter, Autoritätsperson. „Eigentlich bin ich gar nichts geworden.“

Bums. Ein fucking Urknall an Heureka-Power. Die wichtigsten Trophäen einer endlos verlängerten Jugend sind nicht die Max-und-Moritz-Gambits aus den Lebensjahren mit der Eins vorne dran – es sind die unbefahrenen Highways und ausgelassenen Zutaten einer analogen Erwachsenen-Biografie. Erst wer nach dem gesellschaftlich zugedachten Identitätsscouting die wie Teppichmuster vorgelegten Nutzwertbiografieschablonen immer noch mit gestrecktem Mittelfinger abwinkt, hat das Zeug zum professionellen No-Muster-Mensch.

In diese Geschmacksrichtung sprudelt keiner unserer Inspirationszapfhähne so munter wie Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden. Die anderen – Harold and Maude, A Clockwork Orange, The Graduate, Withnail and I, The Catcher in the Rye – enden mit reichlich Spielwiese, bevor am Horizont der Point of no Return dämmert.

Am talentiertesten für ein solides Anti-Fließband-Leben erscheint uns Harold Chasen. Er verabschiedet sich mit einem James-Dean-Style-Cliffy von seinen coolen Morbid-Moves: Sein Leichenwagen macht den Acapulco. Wir orakeln, Harold wird eher Maudes Maxime folgen, als auf den Etikette-Highway einzubiegen, wie es seine dumb mum gerne hätte.

Well, if you want to sing out, sing out
And if you want to be free, be free‘
Cause there’s a million things to be
You know that there are2

Clockwork-Alex mutiert im letzten Kapitel des Buchs zu einem Daddywishfuzzi. Gefühlte Ansage: Auch dem horrorschaumäßigsten Violenci wird das alte Ultrabrutale irgendwann fad unterm Sabog und er schmiegt sich einsichtig an den versöhnlichen Busen der Gesellschaft. Happy End und all der Scheiß. Da schiebt Kubricks offenes Finale deutlich mehr fuck you! inside. Alex und der Minister im Shake-hands-Modus. Zwei Opportunisten in symbiotischer Beziehung. Alex angelt sich den Opferstatus, der Minister die Retter-Credits. Smeck, smeck. Foto. Die Mechanik des Machterhalts. Ein solider Tollschock gegen die glupigen Robotvecks und die merzki Staatstschassos. Sieht aus, als wäre der neue Alex ganz der Alte.

Benjamin Braddock3 schießt Tabubreaks aus der Hüfte wie der Merry-go-round-Sheriff John Wayne die blauen Bohnen. Die nachhaltigste Philister-Denial-Aktion schiebt Ben am Ende: Im weißen Overall entert er die Segenhütte und crasht die wechselseitige Privatverhaftung von Elaine und Carl Smith, ein 360-Grad-Schwiegersöhnchen, druckfrisch aus der Biedermann-Factory. Ben checkt aus mit geht’s-noch?-souveränsten Tanz-der-Vampire-Credits4, an der Hand Elaine als vollzugsverhindertes Brautschleierbunny.

So weit so Clou. Aber was soll’s denn nun sein, hm?

The question at heart of the film, which is whether or not Ben and Elaine will be able to find a new and different way of life, remains unanswered as they head out on the road into the unknown.5

Zum wachsenden Erwartungsdruck der Mustermannwelt, er möge endlich aus seinem Boheme-Kokon auschecken und einer Kaffeeklatsch-kompatiblen Erwerbstätigkeit nachgehen, gesellt sich bei Withnail6 der gefühlte Verrat des besten Freundes. Marwood alias „I“ bekommt ein Engagement als Schauspieler und lässt Withnail im Regen stehen.

Withnail and I is an affecting tribute to the meaning of friendship and the transience of youthful hopes and aspirations; it is about the struggle between a desire to escape from the grim compromises of the ‚real‘ world and the determination to engage with it.7

(Weiter zu Folge 2: Ketchup in the Sky – Episode Two)

Post-its

1) George Heinzen & Uwe Koch: Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden, Rowohlt Verlag, 1985.

2) Cat Stevens: If You Want to Sing Out, Sing Out (Soundtrack: Harold and Maude, 1971).

3) The Graduate (Die Reifeprüfung), 1967, Regie: Mike Nichols.

4) Um die Kirchenmeute in Schach zu halten, schwingt er ein Kruzifix im King-Arthur-Style durch die Luft und schiebt es dann als Riegel durch die Griffe der Kirchenpforte.

5) John Hutchinson: Pearl Fishers, The Douglas Hyde Gallery, 2014.

6) Withnail and I, 1987, Regie: Bruce Robinson

7) John Hutchinson: Pearl Fishers, The Douglas Hyde Gallery, 2014.

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