Everybody’s Neighbour

Interview mit New-York-City-Walker Matt Green (1)

8.000 miles & more – zu Fuß: Glücksgefühle sind die Prämie für Viel-Geher Matt Green – das hat die Star Alliance nicht im Portfolio.
(Foto: Jeremy Workman / Greenwich Entertainment)

Etwas mehr Laufen und Achtsamkeit macht wahrscheinlich alle ein bisschen glücklicher und gesünder.

Matt Green

Im Wilden Westen, wo Asphaltkutschen noch mehr gefetischt werden als im Stau-Orgasmus-Country Germany, sind Fußgänger zwangsläufig suspekt. Dazu gibt es eine knapp 70 Jahre alte dystopische Short Story von Sci-Fi-Man und Books‘ Best Friend Ray Bradbury: The Pedestrian*. In der schönen neuen Fernsehwelt des Jahres 2053 geht kein Mensch mehr zu Fuß. Alle starren auf die Hirnwaschmaschine. Oder tackern sich vier Räder an den Arsch. Alle außer Leonard Mead. Er spaziert gerne nachts durch die leeren Straßen. Eines Tages wird er von Staatsmarionetten entdeckt. Ein Mann, der zum Spaß herumläuft? Das übersteigt die Imaginationspower der Amtszangen. Sie packen Mr. Mead ein und fahren Richtung Kuckucksnest.

Gentleman-Walker

Im Up-to-date-New-York mag das anders laufen. Sofern die Hautfarbe des Flaneurs hell genug ist, um in winzigen Rassistenhirnen keinen Gängsta-Alert auszulösen. Glück für Citywalker Matt Green, dem Geh-Helden der Doku New York – Die Welt vor deinen Füßen. Sein mehrjähriges Pedestrianieren war die reinste Glücksformel. Weniger glücklich lief der Kinostart im März. Kurz nach der Premiere fiel der Kulturvorhang.

Wir haben lange gewartet. Der Film ist offiziell wieder in den Analog-Kinos – sofern sie geöffnet haben. In den Strom-Kinos war er quasi gar nicht weg. Jetzt posten wir endlich unser lang geplantes Interview mit dem Gentleman-Walker Keep walking – Matt Greens Blog-Post vom 4. Juni 2020 (Day 3079) verlinkt übrigens auf den Essay Walking While Black von „fellow walker“ Garnette Cadogan. Cheers, Matt!

Curiosity kills the distance

Munich Globe Bloggers (MGB): Ist dieses Projekt nur deine persönliche Mission oder willst Du die Menschen ermutigen, New York oder ihre eigene Stadt auf die gleiche Weise zu entdecken?

Matt Green (MG): Es ist eine persönliche Mission, obwohl ich sicherlich auch andere ermutigen möchte, rauszugehen und ihre Stadt zu erkunden. Es war eine sehr beeindruckende und erhebende Erfahrung. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, sich mit der Welt zu verknüpfen. Deshalb möchte ich niemandem erzählen, ich hätte die richtigen Antworten für sein Leben. Aber ich denke, etwas mehr Laufen und Achtsamkeit macht wahrscheinlich alle ein bisschen glücklicher und gesünder.

MGB: Im Film sahen wir viele Menschen, die sehr aufgeschlossen schienen gegenüber originellen Typen mit schrägen Ideen wie du. Ist das typisch für New York City?

MG: Ich denke, es ist typisch für den größten Teil der Menschheit. Eine Sache, die ich gelernt habe: Das größte Hindernis für einen offenen Umgang mit Fremden ist die eigene Überzeugung, die anderen seien unfreundlich oder engstirnig. Wenn du auf eine Situation triffst, in der du annimmst, jemand möchte einfach nur in Ruhe gelassen werden oder wäre nicht interessiert an einem Gespräch, reagierst du auf eine Weise, die diese Überzeugung bestärkt. Gibst du dich aber offen und freundlich und zeigst Interesse und Neugierde an ihrem Leben, folgen sie oft deinem Beispiel und lassen sich anstecken von deiner positiven Energie. Leute in anderen Ländern haben mir gesagt, ihre Kultur sei anders und die Menschen dort weniger offen, aber ich selbst habe das nie so empfunden. Selbst im eigenen Land kannst du die Leute um dich herum gewaltig falsch einschätzen, wenn du ihnen nicht die Chance gibst, zu zeigen, dass sie anderes sind als das vorherrschende Stereotyp.

(Weiter zu Folge 2: It’s not a Sony, it’s a real Walkman)

Zufußnote:
*) The Pedestrian (erklärdeutscher Titel: Geh nicht zu Fuß durch stille Straßen) findet ihr in Ray Bradburys Short-Story-Sampler Golden Apples of the Sun (dt.: Die goldenen Äpfel der Sonne).

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