Homo Schnucki

Übermalt das klassische Menschenbild: Rutger Bregman, der Vincent van Gogh der History Science
(Cover: Rowohlt Verlag)

Der Mensch ist von Natur aus ein solidarisches Wesen. Und gerade die Wirkung der Marktkräfte muss von oben verordnet werden.

Rutger Bregman: Im Grunde gut

Der zivilisierte Mensch? Alles nur Make-up. Darunter: Zombie, Baby! Dieses Romero-Porträt des Menschen kopierte sich viral durch die Jahrhunderte wie eine Spanische Marathon-Grippe. Ein virtuelles Powergadget für König & Co, ein Blanko für People-Dissing. Bis heute. Schluss damit. Smartman Rutger Bregman snatcht dem philosophengestützten Menschwolf die Maske. Und siehe: Es ist ein Schaf. Im Grunde gut ersetzt die alte Evo-Tagline des Menschen „Survival of the fittest“ mit „Survival of friendliest“. Und aus dem Arschloch mit Ellbogen, dem Homo trumpis, wird der Homo puppy, der niedliche Welpenmensch. Quasi Vorsprung durch Freundlichkeit.

Wie einst Phil Marlowe

Smells like Dude spirit. Breggys Style poppt aus dem Stand. Wie Chandlers Hardboiled-Privatnase schnüffelt er sich durch alte Fälle, die unsere Wolfsbeißerchen polieren: Milgram-Experiment. Standford-Prison-Experiment. Goldings Herr der Fliegen – okay, nur ein Roman, aber einer, der den Wolfsrachen in die Hirne tätowiert. Und siehe da: Alles manipuliert. Auch zu Goldings Inselkinderhorror serviert Breggy ein Real-Life-Pendant, das den Homo puppy pimpt.

Wir können die Geschichte der Zivilisation als eine Geschichte zusammenfassen, in der Machthaber ständig neue Gründe für ihre Privilegien erfinden.

Rutger Bregman: Im Grunde gut

Wilde Wolfsjagd

Leider hat die Nettigkeit einen Afterburner. Wer als anders empfunden wird, dem kommen die Schafsmenschen schnell mit Misstrauen und Hörnern. Das hatte übrigens Plautus* gemeint, dieser stari Römerveck mit seiner Wolfsanalogie: Der Mensch macht einen auf Wolf, sofern er den anderen Menschen nicht kennt. Zudem dopt die Sehnsucht nach Eierkuchen and friends den Gruppenpressure. Das macht die Schafsleute manipulierbar. Wenn die Menschen im Grunde gut sind, aber dennoch Monsterscheiße bauen, weil sie offenbar nicht unterscheiden können zwischen richtig und falsch, sich außerdem von ebenso anmaßenden wie intellektuell unterentwickelten Gaunern – Politikern, Generälen, Konzernfuzzis, Hetz- und Politikerschwallcopymedien – manipulieren und rumschubsen lassen, dann muss die Mehrheit der Menschen dumm sein. Unfassbar dumm. Oder bequem. Vermutlich beides.

There’s a Hintertür

Das macht im Ergebnis vielleicht nur einen kleinen Unterschied zum vermeintlich bösartigen und egoistischen Menschen, den nur eine Dauerpackung zivilisatorischer Tranquilizer vom Barbarenmodus schützt. But this little difference ließe sich nutzen. Breggy fährt Referenzen auf. Kommunen, die ihr Budget selbst verwalten anstatt es professionellen Politärschen anzuvertrauen. Eine Schule, in der sich Kinder ihre aufgaben selber stellen. Firmenarbeiter, die ihre Arbeit selbst organisieren, anstatt sie sich von ahnungslosen CEO-Gschaftlern diktieren zu lassen.

Freundlichkeit ist ansteckend wie die Pest. Oder eigentlich ist sie noch ansteckender, denn sie kann auch Menschen infizieren, die aus einiger Entfernung zusehen.

Rutger Bregman: Im Grunde gut

Kindnecessary

Und wie bringt man die Menschen zum Denken? Zum Freundlich- und Vertrauensvollsein gegenüber anderen Menschen – und zur kritischen Fuck-you-Haltung gegenüber Machtärschen und ihren Lakaien? Vielleicht selbst zum Vorbild werden? So lange oben durchweg Scheiße ist, muss Veränderung von unten kommen. Let’s start mit Freundlichkeit. It’s mucho más ansteckender als Corona. Im Grunde gut is quasi der Dude to read. The book for this time and place.

Rutger Bregman: Im Grunde gut, Rowohlt Verlag, 2020

Little helper:
*) Der Original-Plautus für Gustierer dieser fucking Bullshitsprache: „Lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.“

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