Abattoir Blues

„Fleisch ist ein Stück Lebenskraft!“ sülzt die Werbung. Schweine, Rinder und Hühner würden das vermutlich nicht unterschreiben.
(Cover: Suhrkamp Verlag)

Wir fragen uns gerade, wie Onkel Marquitos wohl schmecken würde.

Agustina Bazterrica: Wie die Schweine

Was, darf’s denn sein, die gnädige Dame? Jungfräuliche Leber vom non-alcoholic Teenager? Niveazarte Babyöhrchen? Oder lieber sehniger Knackpo vom triathlontrainierten Silberager?

Agustina Bazterricas monströses Meisterwerk spielt in naher Zukunft. Ein Virus kickt Tiere vom Speisezettel des Homo sapiens. Jetzt essen Menschen Menschen. Sie werden gezüchtet, gemästet, geschlachtet. Wie heute Schweine. Die Autorin lässt nichts aus. Die ganze durchökonomisierte Schlachthoflogistik, die jedem Stück Fleisch vorausgeht, das verzehrt wird – ob Burger, Currywurst oder Salami auf der Pizza: betäuben (mit dem Hammer), enthaupten, ausnehmen, zerstückeln … Alles wird hier detailgetreu geschildert. Einschließlich der verharmlosenden Sprache. Die Verzehrmenschen werden nicht Menschen genannt, sondern „Stücke“ und „Spezialfleisch“. Niemand isst Menschen. Das Wort Kannibalismus ist verboten.

Ignoranz ist eine Tugend

Hauptfigur, aber keineswegs Held dieser Dystopie, ist Marcos. Er managt einen Schlachthof, obgleich ihn seine Arbeit und Kollegen anekeln. Zum Auschecken reicht’s leider nicht. Marcos ist ein widerwilliger Mitläufer. Gefangener und Erfüllungsgehilfe des Zeitgeists.

Was unterscheidet Menschen eigentlich von Schweinen und Rindern? Und rechtfertigt der Genuss der einen das Leid der anderen? Agustina Bazterrica dreht die Hirne und Mägen ihrer Buchesser durch den Fleischwolf. Den Soundtrack zum Roman seufzte Morrissey 1985 in die Welt: Meat is Murder. Diese Geschichte bleibt einem im Kopf stecken. Und das ist gut so.

Agustina Bazterrica: Wie die Schweine, Suhrkamp Verlag, 2020

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