Angst essen Denken auf (Teil 1)

„People should not be afraid of their governments. Governments should be afraid of their people.“, sagt V in V for Vendetta. „No. No. No.“, sagt der Neoliberalismus. Da wusste auch der alte Angstpressionist Eddie „The Scream“ Munch.
(Buchcover: Rainer Mausfeld: Angst und Macht, Westend Verlag 2019 – Gemäldeausschnitt: Edvard Munch: Abend auf der Karl Johans gate, 1892)

Demokratie und Kapitalismus sind in ihrem Wesenskern unvereinbar.

Rainer Mausfeld: Angst und Macht, Westend Verlag 2019.

There’s no such thing as democracy.

Kein Staat der Welt erfüllt auch nur annähernd die nötigen Voraussetzungen einer Demokratie: Gleichheit, Bildung, Machtkontrolle. Oder deren Versprechen. Dazu zählt Rainer Mausfeld auch die „größtmögliche Freiheit von gesellschaftlicher Angst“. Im Gegenteil. Angst ist ein elementares Instrument zum Machtmanagement und bei den Machteigentümern äußerst beliebt.

Angst blockiert rationales Denken.
Angst blockiert „eine angemessene gesellschaftliche Urteilsbildung“.
Angst lähmt „die Entschluss- und Handlungsfreiheit“.

Deshalb ist Angst so wichtig für den Kapitalismus. Seine Nutznießer wollen keine Veränderung und profitieren von den Ersatzhandlungen. Konsum. Zerstreuung. Noch mehr Konsum.

Mausfeld unterscheidet unterschiedliche Arten von Ängsten, die Staat und Kapitalismus-Profiteure gemeinsam aktivieren, um ihre Macht zu betonieren, u. a.:

  • Entformalisierung des Rechts1
  • Verankerung der Meritokratie als herrschende Ideologie2
  • Propagandistische Erzeugung von vermeintlichen Bedrohungen3
  • Anwendung marktwirtschaftlicher Prinzipien auf immer mehr Lebens-Aspekte4
  • Erhöhung des Neoliberalismus zur „Markttheologie“, deren Deutung nur den Hohepriestern dieser Religion zusteht5
  • Prekarisierung6

All das erzeugt Angst. Angst, die lähmt und eben nicht in politischem Protest mündet. Und selbst wenn es Potenzial für politischen Protest gäbe: Der Neoliberalismus hat dafür gesorgt, dass es keine politische Kraft mehr gibt, die für die Interessen dieser Menschen eintritt, schon gar nicht für das abgehängte Drittel der Gesellschaft.

Mausfelds Brainbooster erschien 2019, also im Jahr vor der großen Pandemie-Verkündung. Nach zwei Jahren staatlichem Amoklauf gegen die Grundrechte und Nonstop-Ausgrenzungspropaganda hat der Text nochmals ordentlich Relevanz getankt. Wie eine gelungene Prophezeiung.

Rainer Mausfeld: Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien, Westend Verlag 2019

(Weiter zu Folge 2: Angst essen Denken auf)

Post-its

1) Mausfeld verweist auf die Zunahme unbestimmter Rechtsbegriffe, quasi „Gesetzesattrappen“ basierend auf Begriffen à la „Befürwortung von Gewalt“, „öffentliche Sicherheit“, „Gefährder“ und Generalklauseln (etwa „nach pflichtgemäßem Ermessen“), die den Staatslakaien einen unerschöpflichen Interpretationsspielraum lassen. Rechtssicherheit verwandelt sich in Rechtsunsicherheit und führt zu Angst, etwa vor willkürlicher Verhaftung.

2) Meritokratie (Duden: „gesellschaftliche Vorherrschaft einer durch Leistung und Verdienst ausgezeichneten Bevölkerungsschicht“) steht für den weitverbreiteten Irrglauben, in einer kapitalistischen Gesellschaft erhalte jeder Mensch, was er aufgrund seiner Leistung verdiene, wobei der Maßstab für die gebrachte Leistung eben jener erzielte Erfolg ist. Message: Oben sind automatisch immer die Besten. Gewollte Begleiterscheinung der Meritokratie ist die Angst vor sozialem Abstieg, vor Statusverlust und davor, den Ansprüchen der Gesellschaft oder des Arbeitsmarktes nicht zu genügen mit der für Staat und Geld angenehmen Folge, dass Menschen die Schuld für ihre Ausgrenzung bei sich selbst suchen anstatt beim kapitalistischen Gesellschaftssystem.

3) Typisch hierfür ist Kriegshetze wie George W. (W wie Wirrkopf) Bushs „war on terror“ 2001 und die der fucking Krauts (powered by Rudi „ugly whirlpool duck“ Scharping und seiner Troll-Gang) bevor sie 1999 Jugoslawien bombardierten („um eine friedliche Lösung auch mit militärischen Mitteln durchzusetzen“).

4) Die Gesundheitspolitik ist nur eines von vielen Beispielen. Krankenhäuser sind heute Profitcenter: Cash generieren geht vor Gesundheit

5) Für alle Normalsterbliche gilt: Die Wege des Marktes sind unergründlich, aber gerecht. Unterwerft euch, ohne zu klagen.

6) Das moderne Ausbeutungsprinzip, durch das viele Menschen trotz Rund-um-die-Uhr-Jobs zu wenig verdienen, um ihre Grundbedürfnisse zu decken, ist gut beschrieben in Colin Crouchs Buch Gig Economy. Dort geht es um die Sklaven großer Geldfabriken wie Amazon, Lieferando, Uber etc.: ,,Die Plattformanbieter machen ihren Arbeitskräften vor, dass sie selbstständige Unternehmer seien, während sie in Wirklichkeit nur durch und durch subalterne, streng überwachte Rädchen einer gewaltigen Gewinnmaximierungsmaschinerie sind.“ Anders ausgedrückt: „Die Unternehmen der Plattformökonomie bieten denen, die für sie arbeiten, oft das Schlechteste aus beiden Welten: die Unfreiheit von Angestellten, gepaart mit der Unsicherheit von Freelancern.“ Und eine unterirdische Bezahlung.

MGB@Mastodon

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