Every Beat of my Herd

Interview mit Schmackofatz-Aktivist Tobias Felger (1)

This Old Tart of Mine: Tobias Felger, futurely known as Rod Stewart der Küche, knows how to rock ’n‘ roll your Gaumen. With Flammkuchen à la Tobi or not ToBe
(Foto: Munich Globe Bloggers)

Schmeißt das Besteck über dem Tisch!

Tobias Felger, Kitchenista und Mastermind von TOBI OR NOT TO BE, Dessau

Wir essen nie wieder Flammkuchen.

Dieses Ding. Diese Offenbarung. Dieses Jüngste Gericht, das wir im Dessauer Restaurant Tobi or not ToBe* (→ Fußnötchen) gefuttert haben, war so außerirdisch genial, dass wir keinem anderen Flammkuchen-Ingenieur zutrauen, dieser Geschmacks-Ode, diesem Freude-schöner-Gaumenfunken auch nur entfernt zu ähneln. Ein lukullisches Raumschiff aus dem Aroma-Nebel. Gelandet direkt vor unserer Nase.

Geschmacksknospenfrühlingsanfang.

Und dann zeigte sich an diesem Sommertag auch die Restaurant-Gang so charmebarbequeing und schokoregenfreundlich. Da konnten wir gar nicht anders, als Kochtopf-Mastermind Tobias Felger auf unser mobiles Rotes Sofa zu zerren und mit unseren notorisch niveaubefreiten Fragen zu vermöbeln. Ob er sich jemals davon erholt, wissen wir nicht. Doch sobald Scotty unseren Transporter repariert hat, beamen wir ihn mitsamt seiner „Kneipe“ nach München. An einen geheimen Ort. Somewhere only we know. Um es mit Keane zu singen.

Munich Globe Bloggers (MGB): Deine „Kneipe“, wie du deinen Ess-Tempel nennst, würde jeder Stadt guttun. Warum hast du dich für Dessau entschieden? Was magst du an dieser Stadt? Und wie cool ist Dessau auf einer Skala von 1 bis 10 (1 = Pleasantville/megauncool; 10 = Gotham City/ultracool)?

Tobias Felger (TF): Dessau ist der Endgegner für gute Gastronomie und das meine ich gar nicht negativ. Während sich in anderen Standorten (Hamburg zum Beispiel) viele Milieus in einem farblosen Grau (Mainstream) auflösen, gibt es wenige Städte, wo dieses Aufeinandertreffen der Gesellschaften (schwarz und weiß) noch so ungefiltert zusammenkommt wie in Dessau. Und diese ungefilterte Ablehnung sowie auch Unterstützung empfinde ich als äußerst spannend und ist daher unglaublich inspirierend. Daher befindet sich Dessau auf einer wohlwollenden 7 und wird sich in den nächsten Jahren zwangsläufig strukturell zu Gotham City entwickeln.

Never a dull meal: Tobias Felgers „Kneipe“ Tobi or not ToBe poppt Dessau auch schlemmologisch in die Bauhaus-Liga
(Foto: Munich Globe Bloggers)

MGB: Dessau ernährt sich vom Bauhaus. Es gibt einen „Döner Kebap am Bauhaus“ und die Bauhaus-Cafeteria kocht Bauhaus-Burger. Was ist deine küchologische Bauhaus-Interpretation? Vielleicht Oskar-Schlemmer-Filet mit kandinskierten Früchten, frischem Klee, Brockolisieper, rote Beese und Nagy-Goreng?

TF: Küchologisch überlasse ich das lieber den Kollegen mit z. B. ’nem Bauhaus-Burger in der Bauhaus-Cafeteria. Dies erinnert mich doch zu sehr an das Lutherschnitzel. Der Martin hat großartiges geleistet, aber sein Einfluss auf das Essverhalten blieb (Gott sei Dank) bescheiden. Bauhaus hat über die Farbenlehre, Flachdach, Glas und Stahl die Moderne mitbegründet, der Einfluss aufs Essen blieb auch hier (aus gutem Grund) bescheiden.

MGB: Luther, der alte Tugend-Cop, hatte nicht begriffen, dass Genuss etwas Wunderbares, quasi Heiliges ist – eine der wenigen sinnreichen Dinge überhaupt. Deshalb hat Old Lutherbaby Spaß-Abstinenz quasi in die Gesetzbücher genagelt. Dagegen hat das Bauhaus in seiner Genre-Hood den Sinn für Schönheit geschärft. Hat leider lange gedauert, bis Respect-Credits außerhalb der Bau- und Design-Szene eintrudelten. Der Weg in die Küche war noch weiter, oder?

TF: Mit dem Bauhausgedanken das Essverhalten zu revolutionieren, passierte erst 60 Jahre später, z. B. mit dem legendären El Bulli** (→ Fußnötchen) als Experiment und weitere 20 Jahre später endgültig mit vielen unglaublich kreativ-fähigen Köpfen, die jedoch dann meist 2 und mehr Sterne halten. So folgt das Problem, dass nur 0,05 Prozent unserer Gesellschaft diese Revolution bezahlen können oder besser ausgedrückt: wollen. Davon verstehen wiederum mindestens 20 Prozent den Gedanken dahinter nicht wirklich – schwierig, damit die Esskultur like Bauhaus zu revolutionieren. Am ehesten hat es wohl oder leider McDonalds geschafft.

MGB: Bei diesem Dessauer Bauhaus-Overkill bleibt doch zwangsläufig etwas hängen, wenn man empfänglich ist für Schönheit, Vision und Himbeeren.

TF: Meine Bauhaus-Interpretation bleibt da nüchtern. Wichtiger: Funktion vor Konvention. Schmeißt das Besteck über dem Tisch! Esst rohen Fisch! Trinkt doch mal ’nen eiskalten Spätburgunder! Vor allem: Habt ’nen tollen Abend. Dafür ist man früher mal ausgegangen. Bevor es in einigen Restaurants zu einschüchternd steif oder eben gruselig schlecht und billig wurde. Back to the point: Wir haben zwei Essen dem Bauhaus gewidmet und die heißen: Feine Sahne Fischfilet und Festplatte 5.0.

(Weiter zu Folge 2: You schmor it well)

Fußnötiges:
*) Tobi or not ToBe (Visagenfoliant), Johannisstr. 14, 06844 Dessau, tgl. 12-22 Uhr, Tel. 0340 / 26 16 33 30.
**) Speise-Experimenteur Ferran Adrià pimpte die Futterbude El Bulli (1963-2012) an der Costa Brava in den 90ern zum Hipster-Gastro-Tempel. Molekularküche und so. Na ja, all der kinky Kitchen-goes-Chemielabor-Scheiß.

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