The Art of Resting

Lost in Contemplation: Episode 2

Mach mal Pause! Die Akkus lassen sich überall aufladen, wo ’s schön ist.
Necropolis, Glasgow
(Foto: Munich Globe Bloggers)

To the ghosts who inspired this book, I wish them peace.

Craig Roberston: Witness the Dead

Ich war nicht tot genug, um hier als Dauercamper einen Platz zu beanspruchen. Eigentlich schade. Als ich die Seufzerbrücke* überquerte, hinterließen meine Schuhe ihr Profil im Kurzzeitgedächtnis des Bodens. An jenem Wintermorgen hatte sich die alte Steinbrücke eine feine Schicht Raureif übergestreift. Darüber trug sie die neueste Nebel-Mode des schottischen Avantgarde-Designers Alistair McO’Paque. Es würde noch zwei Stunden dauern, bis die Sonne die Brücke verführt hatte, ihre viktorianische Sittlichkeitsgarantie abzustreifen. Ich war diskret und ging weiter.

Old Phoebe

Die Glasgower Totenstadt Necropolis siedelt auf einem Hügel östlich des Zentrums. Unten verlieren sich die Gräber zwischen den Bäumen. Hier hat der Friedhof mehr von einem lauschigen Park als von einem düsteren Gräberfeld. Ich verließ den Weg. Das weiße Gras und die weißen Blätter knirschten unter meinen Füßen. Hinter mir reckte sich die Sonne neugierig über die Mauer und klebte lange Schatten an die Bäume und Grabsteine. An einem umgekippten Steinkreuz blieb ich stehen. „RESTING“ stand dort in großen Buchstaben. Ich übersetzte es mit „kurze Pause“. Ein grabtiefes Glücksgefühl überrannte mich wie ein plötzlicher Schauer. The Catcher in the Rye klopfte an meinen Kopf. Die Szene am Ende des Buches, in der Holden Caulfield „old Phoebe“ auf dem Karussell beobachtet: „I felt so damn happy all of a sudden, (…) It was just that she looked so damn nice, the way she kept going around and around, in her blue coat and all.“

A place to stay: Nice views, loads of trees and silent neighbours.
Necropolis, Glasgow
(Foto: Munich Globe Bloggers)

Fools on the Hill

Ich stand einfach nur da. Unbeweglich. Von raureifweißkalten Friedhofsengellippen geküsst. Ein kleines grünes Lämpchen in meinem Kopf sagte mir schließlich, dass ich vollständig aufgeladen war. Mit großen Schritten stieg ich den Hügel hinauf. Oben wucherten die opulenteren Bauten der Dead City. Obelisken und Ein-Mann-Schlösser, verziert mit traurigen Engeln. Selbst im Tod benötigen die Reichen noch Statussymbole. Zu Ruinen zerfallen erschien mir der einstige Prunk noch armseliger als die schlichten und vergessenen Gräber am Fuße des Hügels. Die hatten immerhin eine Brauerei nebenan. Good to know, wenn einen der Durst plagt. In der Urne. Im Sarg.

A touch of Weissmuller

Die bessere Aussicht hatten die Nobel-Toten. Der Blick über Glasgow im Licht der aufgehenden Sonne war eine dieser Offenbarungen, die jede Reise-Strapaze wert war. „Top-Lage für eine Ferienwohnung“, meldete sich ein vorwitziger Gedanke. Ich begrub ihn an der Biegung des Weges. Beseelt von der lächelnden Spontan-Weisheit eines Globetrotters sagte ich zu mir selbst: „Glück lässt sich nicht recyceln.“ Mit einem Tarzanschrei dankte ich dem Friedhof für das Extra-Leben und schwang mich in die Stadt.

On their way to Ascot: Three time „sexiest hat ever“ winner Arthur „Weasley“ Wellesley, 1st Duke of Wellington, and his horse Waterloo**
Gallery of Modern Art, Glasgow
(Foto: Munich Globe Bloggers)

Nachgucker
*) Bridge of Sighs
**) Yep. Glasgowklare Themaverfehlung: Der Duke pennt weder in der Necropolis, noch erfasst der Panoramablick vom
Friedhof seine haltbare Bronzeversion. Trotzdem führt kein Weg an diesem famous Hut-Model vorbei.

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