Travels without a Cause (1)

Teil 1: Winnetou in Sachsen

Strange times, strange places, strange encounters.
Ein Fall für Jimmy Walker Jr.
(Foto: Munich Globe Bloggers – Thx to Havre Des Pas Bathing Pool)
Jimmy Walker Jr.

Friedenspfeifenraucher

„Mein Bruder!“ Ich kann nicht anders. Vor mir steht Winnetou.

Ich begrüße ihn mit der Geste, die Pierre Brice und Lex Barker in den Rialto-Filmen kultiviert haben. Die Hand mit abgestrecktem Daumen, Zeige- und Mittelfinger zum Herzen geführt, dann den Arm zur Seite gestreckt und noch einmal zum Herz. Mir egal, ob mich jemand beobachtet. Das muss jetzt einfach sein. Woher kommt die Winnetou-Melodie? Aus einer Box mit Bewegungsmelder? Direkt aus meinem Skalphalter? Winnetou ist aus Holz und gäbe einen prima Marterpfahl ab.

Wir beide stehen im Karl-May-Haus in Hohenstein-Ein-Indianer-verzieht-keine-Miene-Ernstthal. Das Vierzehntausend-Nasen-Pueblo im Südwesten des Landes ist besiedelt vom Stamm der Sachsoux. Karl May befreite sich hier 1842 vom Nabel-Lasso seiner Mutter. 2022 bekam die schlanke Hütte in der Karl-May-Straße 54 einen großen modernen Bruder angenäht. An der Theke empfängt uns ein sympathisches Greenhorn mit der Zunge der örtlichen Ureinwohner. Ich bekenne, die Bücher, die auch hier ausliegen, habe ich früher nie gelesen, obwohl viele davon in den heimischen Regalen lauerten. Winnetou I, Der Schatz im Silbersee, Durchs wilde Kurdistan … Sie waren mir zu mächtig. Die Rialto-Filme und Europa-Hörspiele1 trafen mich stattdessen direkt ins Herz statt ins Knie. Vermutlich dauerte es deshalb so lang, bis ich endlich Hadschi Halef Omars 22-silbigen Namen vollständig auswendig aufsagen konnte – mein backenbärtiger Running Gag, wann immer meine Begleitung auf nasalem Weg einen der ungezählten Überfälle der Pollen-Gangster vermeldete, die immer wieder unsere frühsommerliche, wiesenblühende Reise würzten.

Fehlersuchbild im Karl-May-Haus. Auf dem Schwarz-Weiß-Foto vorne: Seine Indianistät Gojko Mitić. Uns unbekannt ist der Ostmann dahinter an der Bückwaren-Vitrine.
(Foto: Munich Globe Bloggers)

Karl May (1842-1912) hat sich diesen musealen Lorbeerblattregen verdient. Mit Winnetou und Old Shatterhand erweckte er unsterbliche Figuren zum Leben, die sich selbst von albernen Zeitgeistblähungen wie dem Wokeismus nicht verjagen lassen. Und bei aller Hochstapelei und sonstiger Gaunerei, die Karl May nachgerufen wird, bei aller fiktionaler christlicher Indianer-Bekehrung war er eben auch Echt-Pazifist – vor allem in den späten Jahren, ehe er zum Ritt in die ewigen Fabuliergründe sattelte.

Alle Rüstung der Erde und alle Rüstung der Völker war bisher auf den Krieg gerichtet. Als ob es unmöglich wäre, in eben derselben und noch viel nachdrücklicheren Weise auf den Frieden zu rüsten!2

Nicht umsonst verteidigte der Pazifist und Anarchist Erich Mühsam (1878-1934) das Werk des Kult-Sachsen:

Was mögen sich die Leute wohl unter dichterischem Schaffen vorstellen, die May vorwerfen, er sei gar nicht in den Ländern gewesen, die er beschrieben hat? Dass das nicht aus der Lektüre seiner Werke hervorgeht, sondern erst durch Nachschnüffelung konstatiert werden muss, wollte, meine ich, jedes Gebelfer gegen sein Talent zum Schweigen bringen. (…) Was alles seine Angreifer gegen May vorbringen, spricht für ihn, und es ist schändliche Undankbarkeit derer, die ihre besten Jungenstunden seinen Mordsgeschichten verdanken, dem Manne, der das Prädikat eines Dichters ohne Einschränkung verdient, nachträglich seine Verdienste zu schmälern.3

Seine Plädoyer für Frieden unterscheidet Shatterhands Alter Ego wohltuend von all den mundstuhlenden, kriegstüchtigkeitssabbernden Desperados, die gegenwärtig dieses Land terrorisieren wie die Geier-Bande den Llano Estacado.

Winnetou: Der Indianerhäuptling, der edler ist als sein Schatten. Anstatt seinem Blutbruder zu winken sollte er den geldgierigen Fracking-Prinzen das Schurkenhandwerk legen
(Foto: Munich Globe Bloggers)

Gojko-Country

Einige Pferdestunden weiter, im Sandsteingebirge bei Rathen am Ufer des Rio Elbe begegnen uns abermals Indianer. Diesmal begrüßt uns die lebende Legende Gojko Mitić4, der engagierteste „Indsman“ Europas. Er betomahawkte u. a. die westdeutschen Rialto-Knaller Unter Geiern (1964) und Winnetou 3. Teil (1965) und die ostdeutschen DEFA-Kracher Apachen (1973) und Ulzana (1974). Als Super-Winnetou Pierre Brice Anfang der 90er-Jahre den Pferdesattel gegen den Schaukelstuhl eintauschte, wurde Gojko Chef-Winnetou bei den Karl-May-Spielen Bad Segeberg. Besonders in Rathen wird er verehrt wie der ein oder andere heiligenscheinende Schutzpatron in einem odelbayerischen Pueblo. An der Rathener Hauptstraße tafeln einige DEFA-Filme mit Gojko Mitić. Auch beim tantedrolligen Freiluftschauspiel Peter Pan auf der Felsenbühne Rathen reitet der 84-jährige Old Gojkohand den Oberindianer sattelfest und würdevoll durch die Respektlandschaft und klopft dem Weißen Mann, der die Erde als seinen Selbstbedienungsladen betrachtet, eine Portion solider Naturvolksweisheit unters Skalp. Der Häuptling hat’s noch drauf. Chapeau!

Sie kennen ihn alle: Gojko, den edlen Häuptling vom Stamme der DEFA-Apachen. Sein Name lebt in jedem Festspielkatalog, in jeder Datsche, an jeder Straßentafel. (Foto: Munich Globe Bloggers)

Unser Wigwam ist eine praktische Blockhütte namens Eichhörnchen5 am Ortsende von Rathen, vermietet von einem freundlichen Ostmann und seiner Squaw. Hungrig von der weiten Reise bereiten wir uns ein schmackhaftes Menü aus Blaue Bohnen und Silberbüchsentomaten. Von unsrem Kobel aus erreichen wir die meisten unserer Ziele auf unseren flinken Gummihufen. Unterwegs zum Gamrig, einem Gipfel östlich von Rathen, streifen wir die Espenwiese. Dort entstand die Schlussszene des zuschauerfreudigsten Indianerfilms der ostdeutschen DEFA-Studios: Die Söhne der großen Bärin. 1966 eroberte diese Kette aus fließenden Bilder die Lichtspielsaloons. Tipis qualmen, im Hintergrund strotzen markante Felsen nur so vor Wild-West-Kompetenz, die jener im kroatischen Nationalpark Paklenica kaum nachsteht. Ein junger Indianer überreicht Tokei-ihto die Friedenspfeife: „Die Söhne der großen Bärin wählen dich zu ihrem Friedenshäuptling.“ Und Tokei-ihto, muskelververkörpert von Gojko Mitić, den Blick in die Ferne gerichtet, spricht: „Wir bitten dich, Heiliges Geheimnis, wie es unsere Väter und die Väter unserer Väter taten, dass du uns Nahrung gebest und Frieden.“ Unser Blick vom Gipfel des Gamrig über den klapperschlangengleich gewundenen Rio Elbe verliert sich in dieser erhebenden Weite wie jener von Tokei-ihto. Meine indianischen Freunde, durch welche Prärien und Schluchten sie auch streifen mögen, grüße ich mit der Geste Winnetous.

Wo ist Winnetou? Ist er die Birke oder Teil des Felsens? Der Häuptling der Apachen ist ein Meister der Tarnung. Irgendwo in der Ferne liegt der Mount Selfie, den die Sachsoux Bastei nennen.
(Foto: Munich Globe Bloggers)

Rauchzeichen

  1. Die Hörspiele des Labels Europa pirschten sich deutlich näher heran an die Handlung und die Figuren der Bücher als das Rialto-Geflimmer. ↩︎
  2. Das Karl-May-Haus präsentiert das Zitat auf einer Tafel neben der Büste des Schriftstellers. Klares Rauchzeichen Richtung Berlin: „Nimm das, verdammte Kriegstreiber-Ampel!“ ↩︎
  3. Das Erich-Mühsam-Zitat ist aus KainZeitschrift für Menschlichkeit, unregelmäßig herausgegeben von Erich Mühsam zwischen 1911 und 1919. In der April-Ausgabe 1912
    befasste sich Mühsam mit Karl May.
    ↩︎
  4. Gojko Mitić hatte zunächst kleinere Rollen in einigen Winnetou-Filmen mit Pierre Brice, Lex Barker und Stewart Granger eher er bei mehreren Indianerfilmen der DEFA die Hauptrolle übernahm und schließlich Pierre Brice auf der Freiluftbühne Bad Segeberg beerbte. ↩︎
  5. Hat alles, außer Eichhörnchen: Ferienhaus Eichhörnchen, Rathen ↩︎

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