The Wuzi-Files

(Foto: Munich Globe Bloggers)
Ich sollte Wuzi für Ice Age casten: Das Säbelzahnhörnchen Scrat macht ähnliche Verrenkungen, um eine Eichel aus dem Eis zu bergen.
Der Autor
(Hier geht’s zu Neues aus Little Eden, Folge 1)
Neulich an der Ampel: Neben mir eine Frau, an der Hand einen Stöpsel. Sie singt eine Strophe aus Die Affen rasen durch den Wald:
Die Affenmama sitzt am Fluss
und angelt nach der Kokosnuss ...
Kenne das Lied aus meinen Stöpsel-Jahren. Lang, lang ist ’s her.
Ich: „Cool. Gibt’s das immer noch?“
Sie: „Klar.“
Ich: „Die guten Sachen halten eben länger.“
Keine Ahnung, ob das stimmt. Vermutlich gibt es viele Gegenbeispiele. Mein Gedächtnis beispielsweise hat sehr viel Bullshit parat, den ich in meiner Stöpsel-Phase aufgeschnappt habe. Sprüche meiner Oma á la „Übermut tut selten gut.“ Grotesk irrelevante Schulschwurbeleien wie „Osmose: Diffusion durch eine semipermeable Membran.“ Wer braucht diesen Scheiß? Sinnfreie Hirnformatierung, um funktionierende Idioten heranzuzüchten. Dann lagern in meiner Blackbox noch Werbeslogans aus einer Zeit, als ich noch Fernsehen geguckt habe. Fast genauso lange her wie das erste Selber-Singen des Kokosnuss-Songs und die fucking Osmose. Die Reklame-Slogans erspare ich euch. Hier gibt’s nur Schleichwerbung für Eichhörnchen.
Der Refrain geht übrigens so:
Die ganze Affenbande brüllt:
Wo ist die Kokosnuss?
wo ist die Kokosnuss?
wer hat die Kokosnuss geklaut?
Das ist die gedankliche Überleitung zu Wuzi. Irgendwann im Winter: Eine Kokosnuss auf dem Komposthaufen weckte Wuzis Interesse. Wenn ich den Optionskosmos meines Eichhörnchens wahrscheinlichkeitsrechnerisch überschlage, gab es zwei Alternativen: 1. Gleich essen. 2. Kokosnuss to go. Wuzi entschied sich für die zweite Option. Das anschließende Zusammentreffen von Wunsch und Realität erinnerte mich irgendwie an den Wertewesten. Wobei es dort ja überhaupt keine Übereinstimmungen gibt. Propaganda und Selbsteinschätzung belegen Tag für Tag eine Realitätsabstinenz ähnlich jener Nazis, die im August 1945 noch an den „Endsieg“ glaubten. Bei Wuzi waren es eher graduelle Differenzen. Fünf, sechs Mal versuchte er, die Kokosnuss auf den nächstgelegenen Baum zu wuchten. Vorwärts, rückwärts. Vergeblich. Zu schwer. Zu sperrig.
Ich sollte Wuzi für Ice Age casten: Das Säbelzahnhörnchen Scrat macht ähnliche Verrenkungen, um eine Eichel aus dem Eis zu bergen. Verbuddeln wie bei Wal- und Haselnüssen schien für Wuzi auch keine Option zu sein. Wie gesagt, es war Winter, der Boden hart. Wuzi gab auf. Irgendwie, irgendwann denkt ein Eichhörnchen doch ökonomisch. Im Meisenhäuschen war ja genügend Futter, das ohne Kraftaufwand verspeist werden konnte. Und manchmal gab es sogar echte Nüsse to go. Wuzi musste nur schneller sein, als sein Nachbar-Hörnchen. Für Wuzi möchte ich deshalb das Lied minimalinvasiv anpassen:
Die Hörnchen rasen durch Wald
das eine jung, das andere alt
Die ganze Hörnchen-Bande fiept:
Wo ist die Haselnuss?
Wo ist die Haselnuss?
Wer hat die Haselnuss stibitzt?
(Fortsetzung folgt)

