Gin Diary – Episode 20

The Longest Shadows Ever Cast

October sunshine sometimes hits you harder than November rain: Jimmy was tired of watching his life passing by like a distant ship (Foto: Munich Globe Bloggers / Tara Tulpe)

October sunshine sometimes hits you harder than November rain: Jimmy was tired of watching his life passing by like a distant ship (Foto: Munich Globe Bloggers / Tara Tulpe)

(Hier geht’s zu Folge 1). Chill it like Backpackman!“, empfahl der Slogan eines Hippie-Comics, den ich auf der Fähre gefunden hatte. Der Zero-Hero auf dem Cover war ein optischer Doppelgänger von Johnny Castaway, dem Robinsontyp, der in den 90s als Bildschirmschoner heruminselte. Anders als der Flopjäger und -sammler Johnny C. zelebrierte Backpackmann neoklassische Dudeness. Ministry of Chill – if you mean what I know. Cool zum Blättern. But lifeartperspektivisch not my cup of couch. Mich gab es nur in zwei Modi. Combat & Coma. Ich war ständig in Bewegung. Statt Infinity-Siesta rannte und strampelte ich über die Insel. Tornado inside wäre der passende T-Shirt-Spruch gewesen.

Mit den langen Schatten der Halbmastsonne kamen auch die langen Schatten der Vergangenheit. Old Robinson-Blues. Gespeist vom abstrusen Verlangen, das Leben zurückzuspulen wie ein 70s-Audio-Tape und die ganzen Uncoolspots neu aufzunehmen. Biographic Engineering. Es gab nur einen Weg, diesem Howling-Silence-Rendezvous mit mir selbst auszuweichen. Run, run, run. And then add some generous drop of gin.

Nach einer Woche war ich tot. Und fühlte mich gut. „Jimmy reloaded?“, fragte Chefamigo Broox per SMS. „Who knows?“, tippte ich zurück. „Was macht Mrs. Mystery?“ „No Dunst. No Message. Anyway. Genug gereist. Bin morgen zurück. Ready for a new chapter.“ Das Laufen hatte meine Synapsen in eine andere Richtung gedreht. Ähnlich einer Blume, die sich nach der Sonne richtet. Statt rückwirkendem Selbstoptimierungswahn zu verfallen, sagte ich mir: Presence is my future. Dann schickte ich eine SMS an meine Künstlerfreundin Prosegarden. „There will be art.“

Am letzten Abend setzte ich mich an den Strand. Innerhalb einer Woche war er mir zum Ersatzpub geworden. Das Bier hatte ich wieder mitgebracht. Die Flaschen steckte ich um mich herum in den Sand wie einen robinsonmäßigen Palisadenzaun. Nur etwas luftiger. Dann sah ich aufs Meer, drehte die Brandungsboxen auf max Volume und hatte keine weiteren Bedürfnisse. Von Zeit zu Zeit schloss ich die Augen und widmete die restlichen Sinne dem Wind-und-Wellen-Orchester. Der Dirigent musste irgendwann ein Schlaflied angestimmt haben. Als ich die Augen öffnete, hatte der Himmel gerade die Jalousien heruntergelassen. Beim Einsammeln meiner Flaschen entdeckte ich eine, die nicht von mir war. Plymouth Gin. Wo kam die denn her? Flaschenpost. Ahoj-Brause noch mal! Damit konnte ich meiner Heimfahrt farewell winken. Langsam wurde ich wirklich zum Odysseus. Ohne den Heldenfaktor.

(Weiter zu Episode 21)

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