Gin Diary – Episode 19

Summer's Gone

Beaches are my cup of Zen: Looking at the sea put some sand in the machinery that drove Jimmy's restlessness (Foto: Munich Globe Bloggers / Tara Tulpe)

Beaches are my cup of Zen: Looking at the sea put some sand in the machinery that drove Jimmy’s restlessness (Foto: Munich Globe Bloggers / Tara Tulpe)

(Hier geht’s zu Folge 1). Auf meinem Weg zum Bahnhof griff ein kleines Kino nach meiner Aufmerksamkeit. Es zeigte den alten Blade Runner. Ich stellte mir vor, wie ich vor meinen Vater trat, den ich zum ersten Mal in meinem Leben sah. Auf meinem Handgelenk war mein Haltbarkeitsdatum tätowiert. Ich hielt es ihm unter die Nase: „Gib mir mehr Leben, Alter.“

Der Herbst machte gerne Kino in meinem Kopf. „Autum is my acid“, sagte meine Seelen-Zwillings-Post-Adoleszenz-Abschnitts-Freundin Pretoria. Damals. Dieser Herbst war der Erste seit einer Ewigkeit, den ich wieder bewusst wahrnahm. Die gefühlten letzten hundert Jahre hatten sich Sommer und Winter unmittelbar die Klinke in die Hand gegeben. „Mahlzeit.“ „Mahlzeit.“ Für Mr. Winter hatte ich nur eine Message: Fuck you! Die Einladung auf die Insel war mir quasi aus dem Hirn geschnitten.

Ich lehnte an der Reling und sah aufs Meer. Der warme Fahrtwind füllte meine Memorybox mit Nirvana. Am Hafen durchrieselte mich ein Counter-Reset-Feeling. Ich bestellte einen Kaffee auf Spanisch. Er dauerte etwas, dafür bekam ich ihn mit einem hübschen Lächeln serviert, wie man es nur bekommt an Orten, wo die Sonne Stammgast ist. Der Bus ließ sich ebenfalls Zeit. Was okay war. Hier war ich überall richtig.

Die Insel. Mit Pretoria wollte ich einmal über Weihnachten hierher, um mir das Idiotenfest zu ersparen. Wenige Wochen vor dem geplanten Abflug starb ihre Zwillingsschwester. Und kein Ort der Welt schien für Pretoria weit genug entfernt. Ich konnte sie nicht trösten. Mit Pretorias Schwester beerdigten wir auch unsere Geschichte. Die Szene, in der wir gemeinsam eine flamingofarbene Rose ins Grab fallen ließen, war mein letztes Bild von Pretoria. Über Jahre wiederholte sie sich wieder und wieder in meinen Träumen, machte meinen Schlaf zu einem Nonstop-Kino, das ich nur verlassen konnte, wenn ich mich durch einen Schrei selbst weckte.

Die Schatten wurden länger. Zeit für den Sundown. Auf dem Weg zum Leuchtturm lag ein kleines Waldstück. Hier kokettierte die Insel mit einem leichten spätsommerlichen Duftkleid in den Aromafarben Thymian und Kiefer. Ich lächelte zurück. Sonnenuntergänge waren ja eigentlich Abschiede. Doch diese Art von Abschied – mit oder ohne Gin Tonic – empfand ich als äußerst warmherzige Willkommensgeste.

(Weiter zu Folge 20)

Leave a Reply

You can use these HTML tags

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>