Gin Diary – Episode 18

Move On

„It feels so Bowie“, dachte Jimmy nach seinem dritten Gin Tonic im Atomic Kiss. „Time to move on, Berlin and all those memories“. (Foto: Munich Globe Bloggers / Tara Tulpe)

„It feels so Bowie“, dachte Jimmy nach seinem dritten Gin Tonic im Atomic Kiss. „Time to move on, Berlin and all those memories“. (Foto: Munich Globe Bloggers / Tara Tulpe)

(Hier geht’s zu Folge 1). Ich saß im Atomic Kiss. Vor mir lag die erste Postkarte. Der rote Lippenabdruck erinnerte mich an eine Stelle aus Somewhere I have never travelled, gladly beyond. Das subkutanste Gedicht, das ich kannte: in your most frail gesture are things which enclose me, / or which i cannot touch because they are too near. Und die tiefste Stelle des Universums. Zeit für einen Jim Tonic.

Das Atomic Kiss hieß in den 90ern noch Café Abgrund. Damals interessierte mich vor allem, was im ehemaligen Ostteil der entmauerten Stadt passierte. Aber ich verließ Berlin nie, ohne einen Abstecher ins CA. Der Barkeeper erzählte mir einmal von einem spontanen Auftritt von Joy-Divison-Sänger Ian Curtis, einige Monate vor seinem Tod 1980. Seine Unplugged-Version von Atmosphere wickelte das Publikum in einen Kokon aus Gänsehaut. Später hing neben dem Eingang ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Gemälde. Ein Friedhofsengel mit dem Gesicht von Ian Curtis und einer Fluppe im Mund. Don’t walk in silence.

Das Bild war verschwunden. Wie alles aus dem Café Abgrund. Nur meine Erinnerungen waberten noch zwischen der Theke und dem fahlen Licht des grün schimmernden Neonkaktus. Überhaupt wurde Berlin nur noch von meinen Erinnerungen zusammengehalten. Eines Tages würde ein Wind die Stadt aus meinem Kopf fegen. Dann würde es ein Ort sein wie jeder andere, ein Name ohne Geschichten.

Bevor ich weiterzog, um der Spur des geheimnisvollen Lippenabdrucks zu folgen, war mit Berlin noch etwas schuldig. Ein Abenteuer. Eine Miniromanze. Einen Augenblick, der in der Liga meiner Erinnerungen spielte.

Ich fand ihn auf einem Spielplatz in der Paul-Robeson-Straße. Es war vielleicht 1 Uhr oder 2 Uhr nachts. Ich setzte mich auf die Wippe, steckte die Füße in den Sand und grübelte. Nach einer halben Stunde Gedankenkarussell stand plötzlich eine junge Frau vor mir. Gefühlte 28. Aber das war mir ziemlich Käthe. „Ist der Platz noch frei?“ Sie deutete auf das leere Brett, das im 45-Grad-Winkel in den Sternenhimmel ragte. Ihr Lächeln war so entwaffnend, dass eine ganze Römerlegion nackt dagestanden hätte. Ich musterte sie ein bisschen, lächelte zurück und stand auf. „Voilà.“ Sie setzte sich. „Wie heißt du?“ „Samoa.“ „Oh, hübscher Name. Steht dir. Ready for take-off, Samoa?“ Sie nickte. Ich setzte mich auch und hebelte sie in den Nachthimmel. Samoa kreischte ein bisschen nach Mädchenart. Dann wippten wir los. Auf, ab. Auf, ab. Nach einer Weile versuchten wir, uns gegenseitig in der Luft verhungern zu lassen. Die Rückkehr auf festen Boden kostete ein Versprechen. Auf dem Karussell lösten wir es ein.

(Weiter zu Folge 19)

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