Gin Diary – Episode 16

Along The Highways Of My Life

Unselfie mit der afrikanischen Venus von Milo: „Good joyce“, flüsterte Jimmy dem Torso ins imaginierte Ohr. „So kackt dir wenigstens keine Taube auf den Kopf.“ (Foto: Munich Globe Bloggers / Tara Tulpe)

Unselfie mit der afrikanischen Venus von Milo: „Good joyce“, flüsterte Jimmy dem Torso ins imaginierte Ohr. „So kackt dir wenigstens keine Taube auf den Kopf.“ (Foto: Munich Globe Bloggers / Tara Tulpe)

(Hier geht’s zu Folge 1). Diesmal wartete ich nicht auf eine weitere mysteriöse Karte. Ich schrieb meinem Homebase-Amigo Broox eine SMS. „Gotta go, Bradda. Gonna skip Miss Mystery’s next move.“ Seine Antwort kam auf dem Weg zum Flughafen. „Heimweh?“ „Nicht nach Jim City“, tippte ich in den Fernschreiber. „The ten-thirty flight will soon be headed my way.“ Broox kannte mich zu gut, um den Code zu übersehen.

Die erste Berlin-Erinnerung, die beim Abschied von Paris in meinem Hirn landete, verdanke ich meiner Freundin Vienna. Bei einem meiner Besuche führte sie mich auf einen Friedhof direkt am Flughafen Tempelhof. Zwischen den Grabsteinen wucherten die Lampen der Anflugbefeuerung. Wir hatten uns mit einer Flasche selbst gemixten Gin Tonic ausgerüstet und warteten auf den nächsten Blech-Adler, der nach einer halben Stunde anrauschte. Der Vogel blieb direkt über unseren Köpfen stehen. Unwirklich groß. Wie eines dieser Raumschiffe aus Independence Day. „Jetzt lassen sie gleich eine Strickleiter runter, damit wir an Bord können“, sagte Vienna. Ich nickte. „Sure. Was sonst?“ Unser Special-Effects-Support hatte inzwischen das Gefäß gewechselt. Zwei Drittel des Gin Tonic waren zu Vienna übergesiedelt, das restliche Drittel hatte in mir ein Stundenhotel gefunden.

Mein Berlin lebte von alten Respect-Credits, dank derer ich äußerst gönnerhaft hinwegzusehen versuchte über die fortgeschrittene Disneylandisierung. Eine Filter-Challenge der gehobenen Sorte. Berlin war nicht mehr Berlin. Die kratzige alte Punk-Schlampe trug plötzlich Gucci-Kostüm. Was war aus meinem Kaputt-Paradies geworden? Aus meiner Schmuddel-Insel? Vor ein paar Monaten hätte ich noch so gedacht. Seit meiner Abreise aus Jim City hatte ich mich weiter entwickelt. Ich suchte nicht mehr nach den Orten meiner Vergangenheit. Ich war bereit, mich auf die Gegenwart einzulassen, notfalls sogar mit ihr abzuklatschen. Gimme five, gentrifizierte Bitch! Dafür beanspruchte ich allerdings die Hilfe zweier Freunde: Gin Tonic (diesmal als liquid courage für Neues) und das Rocky-Thema auf meiner Playlist (als Schrittmacher, wenn ich trotz solidem Flüssigmut-Level zögerte, mich ins Getümmel zu werfen).

Ich war beinahe scharf auf Analog-Tourismus. Nachdem ich Kreuzberg kaum wiedererkannte, dachte ich mir. Wenn du das alte Berlin finden willst, ohne melancholisch zu werden, geh ins Museum. Eine Stunde später stand ich im Medizinhistorischen Museum der Charité, wo ich spontan nach dem Elefantenmensch suchte, dem Typ aus dem David-Lynch-Film. Dieses Museum war eine Oldschool-Version der Körperwelten von diesem Anatomie-Beuys mit einer Prise Damien Hirst. Wie gemacht, um mich mit der nächsten Mystery-Karte zu surprisen. Ich entdeckte nichts Ungewöhnliches zwischen den aufgeschnittenen Gehirnhälften und einem Embryo, der sich mit der Nabelschnur stranguliert hatte. Nur eine Frau fiel mir auf. Sie lächelte wie eine meiner Jugendlieben. Ein honigfarbenes Lächeln, das mich durchdrang wie Röntgenstrahlen. Passierte ihr gerade dasselbe? Zwei Schaukastenreihen weiter drehte ich mich um. Sie war weg.

(Weiter zu Folge 17)

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