Gin Diary – Episode 15

Jimmy Jazz

Die Pariser Beton-Hood La Défense war ein vernünftiger Ort, um eine Mondlandung vorzutäuschen, dachte Jimmy. Nicht mal Aliens würden hier nach einem Biergarten suchen (Foto: Munich Globe Bloggers / Tara Tulpe)

Die Pariser Beton-Hood La Défense war ein vernünftiger Ort, um eine Mondlandung vorzutäuschen, dachte Jimmy. Nicht mal Aliens würden hier nach einem Biergarten suchen (Foto: Munich Globe Bloggers / Tara Tulpe)

(Hier geht’s zu Folge 1). Die Luft war stärker als Bacardi 151. Etwas für Seebären und Citizen Hurricane. Meine touristische Nacktheit bereute ich keinen Tick-Tack. Die Kamera hätte sowieso nur gewackelt. Eine Boje in der Biscaya. Ich bat nur Onkel Aiolos, mich nicht mit einem windigen O-goshi über die Beton-Reling zu lupfen. Stattdessen glitt meine Adler-App durch den Canyon, der sich vor mir ausrollte wie eine Sergio-Leone-Totale. Alles noch da. Arc de Triomphe, die Alleebäume an der Endlosachse und das Außerirdischen-Viertel La Défense. Ein monumentales Ausrufezeichen wie La Grande Arche selbst. Größenwahnzementierung, Staatspräsidentendenkmalerei. Ich kopierte mich in das Panorama und inszenierte ein Remake von Godards Außer Atem. Ich natürlich Belmondo. Die Rolle von Jean Seberg übernahm die mysteriöse Kartenautorin. So hatte sie endlich ein Gesicht. Und was für eines!

Hatte mich schon lange gefragt, wann Paris auftauchen würde. Gleich beim ersten Bingo. Als mir klar wurde: Bei dieser Schnitzeljagd entrollt ein gintonic Mastermind die Schauplätze meines alten Lebens. Und Paris war der Schauplatz. Mein Schlafzimmerfranzösisch war etwas verstaubt, aber die Zeile auf der Karte, die in Amsterdam aus dem Buch gefallen war, hätte ich sogar in meiner Urne dechiffrieren können. Quelle est votre plus grande ambition dans la vie? fragt Jean Seberg. „Was ist Ihr größter Wunsch?“ Und der Typ, gespielt von Melville: Devenir immortel… et puis… mourir. „Unsterblich werden … und dann sterben.“ Am Ende stirbt aber Belmondo. Und wird unsterblich. 

Ich lebte ein ganzes Jahr in Paris. Der Außer-Atem-Dialog begleitete mich auf meinem T-Shirt. Meine Jean Seberg sah dem Original sogar ähnlich. Blonder Bubikopf und ein kleiner Twiggy-Mund. Oft saß sie auf dem Boden, mit Kaffeetasse und Zigarette, die Knie an den Körper gezogen und darüber das T-Shirt, das sie sich von mir geliehen hatte. Es war ein Tanz durch eine endlose funkelnde Sommernacht. Selbst als es draußen kalt wurde.

Nur gab es im wirklichen Leben keine endlosen Sommer. Irgendwann konnten wir nicht mehr unterscheiden zwischen den Rollen, die wir spielten, und unseren Analog-Ichs – sofern es sie überhaupt noch gab. Meine Seberg, die ich Genève nannte, sprach nur noch mit mir, wenn sie gerade wegsah. Offenbar wollte sie die Filmtechnik der Nouvelle Vague imitieren, bei der Bild und Ton asynchron sind, also Belmondo im Bild während Seberg redet und umgekehrt. Anfangs fand ich es noch lustig. Aber nach ein paar Tagen fühlte ich mich, wie von hinten erschossen. Oder wie auf Reisen mit Schulze und Schultze.

Ich hatte keine Wahl: Abschied à la française. Genève hinterließ ich zwei ausgebeulte T-Shirts. Und eine Karte. „The hottest summer I ever spent was that winter with you“, schrieb ich auf die Rückseite. Ein Mark-Twain-Twist. Vorne war ein Filmstill aus Out of Rosenheim: Marianne Sägebrecht im Trachtenanzug mitten in der Wüste.

(Weiter zu Folge 16)

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