Gin Diary – Episode 13

Younger Than Yesterday

Jimmy zwitscherte seine eigene Version des Byrds-Klassikers: „For every drink – turn, turn, turn. There's a reason – turn, turn, turn. (…) A time to drink beer, a time to drink wine, a time for rum, a time for gin, …“ (Foto: Munich Globe Bloggers / Tara Tulpe)

Jimmy zwitscherte seine eigene Version des Byrds-Klassikers: „For every drink – turn, turn, turn. There’s a reason – turn, turn, turn. (…) A time to drink beer, a time to drink wine, a time for rum, a time for gin, …“ (Foto: Munich Globe Bloggers / Tara Tulpe)

(Hier geht’s zu Folge 1). Das Fahrrad kam aus dem Nichts angeschossen. Ich sprang zur Seite. Genau vor das nächste Fahrrad. Zapp! Diesmal fehlte nur eine Tschicklänge. Roth-Händle. Ohne Filter. Der Relief-Seufzer verhungerte auf halber Strecke. Von überall raketeten Fahrräder daher. „Feels like Edgar fucking Wallace“, twitterte mein Survival-Department unter dem Hashtag #Amsterdamned. In den alten Krimis wurden Informanten gerne von Lastwägen überrollt. Dieses Szenario schien mir eher zufällig. Dennoch gefährlich. Mit einem geheimen Ninja-Trick verfrachtete ich mich auf den Gepäckträger eines dieser Rollmonster.

Vorne saß eine flotte Lady, die es offenbar eilig hatte. „Verzeihen Sie meine Aufdringlichkeit, Madame“, apologetisierte ich auf Niederländisch, „ich wollte Ihnen nicht zu nahe springen und auch keinesfalls Ihre Dynamik suboptimieren, doch mein Denkmalschutz-Ressort empfahl mir diese reflexhafte Aktion wegen seiner Abriss abweisenden Wirkung. Darf ich Sie nach Abschluss des Rettungsmanövers zu einem Koffein-Upgrade einladen oder am Abend auf eine kleine Leber-Challenge?“ „Ich fahr dich jetzt kurz zu deiner Zeitmaschine, McFly. Dann düst du zurück in dein Jahrhundert. Diese Welt ist eine ganze Nummer zu komplex für dich.“ An einer ruhigen Seitenstraße sprang ich ab. „Bedankt!“ Sie flog ungebremst weiter. Per Wind-Mail schickte sie mir noch ein „20 Uhr, Café Brecht.“

Amsterdam war nicht gemacht für Flanierer im Daydream-Modus. Also borgte ich mich ein Fiets – was für ein todescooles Wort für ein Fahrrad! – und versprach dem Hinterhof, es am Abend zurückzubringen. Ich erinnerte mich an das Mid-60s-Provo-Experiment „Witte Fiets“: weiße Fahrräder, die überall in Amsterdam herumstehen und jeder benutzen darf. Leider starb das Projekt frühzeitig an der Überspießigkeit der Mainstreamys. Durch Amsterdam zu fietsen war belebend und erhebend. Hier gab es richtige Fiets-Highways. So cool. Wie eine permanent installierte Radl-Demo.

Im Brecht erkannte mich ein alter Kumpel. Travis B. Sein Kunstname. Aus seiner Taxi-Driver-Phase. Damals antwortete er grundsätzlich „Are you talking to me?“ Mit allem drum und dran. Selbst in der Pauk-Batterie. Das brachte ihm irre Credits. Bei uns. Der Notenstall verschmähte Travis’ cineastisch-subkulturelle Gravität. Als Zeichen des Wiedererkennens begrüßte ich ihn mit „Are you talking to me?“ Travis war ziemlich rumgekommen in der Welt. Ein Globetrotter alter Schule. Und jetzt organisierte er hier das Open Micro. „Jimmy! Bock, den Leuten was vorzusabbeln?“ „Are you talking …“ „Come on, Alter. Give the dog a bone. Ich habe mir einige Portionen von deinem Buchstabensalat in den Container geschaufelt. Bullshit. Aber verdammt geiler Bullshit. Also?“ „Fuckay, man. Dann schieb mal den Vorschuss rüber. We accept only gin.“

(Weiter zu Folge 14)

Leave a Reply

You can use these HTML tags

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>