Leute neben der Spur (19)

Wigald Boning muss draußen schlafen

Der Himmel über Boning: isarufergrau, werderbremengraphit, shetlandponybasalt und manchmal inkontinent (Bild: Wigald Boning / Rowohlt Verlag)

Der Himmel über Boning: isarufergrau, werderbremengraphit, shetlandponybasalt und manchmal inkontinent (Bild: Wigald Boning / Rowohlt Verlag)

Nach unserer Huldigung des Wintercampingplatzes Isarhorn haben wir quasi Heringe mit Köpfen gemacht – selbstverständlich geruchsneutral (Stichwort: Merionowollmütze) und für das neuste Weltgeister-Kapitel einen Eskimo-Azubi auf unser leicht vereistes Outdoorsofa gebeten: Wigald Boning, passionierter Pixelmoorhuhnjäger, Einkaufszettel-Ethnologe, Fern- und Nachtsportler und vermutlich sogar Adventskalenderschokoladeheimlichgegenvorgekautekaugummisaustauscher. Sein Buch Im Zelt verrät delikate Details über sein Experiment, möglichst viele Nächte hintereinander im Freien zu überstehen. Über 200 wurden es. Inklusive mucho Herbst- und Winternächte. Wir wollten es aber noch genauer wissen: How ticks the man behind this Walden to go?

Munich Globe Bloggers (MGB): Wigald, im Sommer draußen schlafen, da wären wir dabei, zumindest unser Hardcore-Department. Aber im Winter oder in einer Novembernacht mit 100% Luftfeuchtigkeit im Park oder auf einem Feld, das ist fucking Carpenter-Drehbuch. Wo checkt da der Spaß ein?

Wigald Boning (WB): Reine Neugier. Ich wollte wissen, wie sich dauerhaftes Wohnen im Zelt anfühlt, und eine Überwinterung war sozusagen das Minimum. Aber es war halb so schlimm; wirklich gefroren habe ich selten, den Novemberregen jedoch durchaus genossen. Ich kenne kaum ein gemütlicheres Geräusch als eine ausgiebige Tröpfelei aufs Zeltdach. Wunderbar einschläfernd – da kommt kein Schlafzimmer mit.

MGB: Und was war challengemäßig das Gipfelkreuz?

WB: Die Logistik. Ich bin quasi immer auf Reisen, trug meinen gesamten Hausstand im Rucksack mit mir herum. Ungezählte Mal durchsuchte ich meine Habe nach irgendeiner Kleinigkeit: Socke, Hering, Zahnseide. Verschlimmert wurde meine Schusseligkeit durch akkumulierten Schlafmangel. Bisweilen wähnte ich mich ernsthaft dement!

MGB: Ein bisschen Demenz ist doch sexy! Außerdem nötigt einen das Zelten, wie du es gemacht hast, sowieso zur Beschränkung auf die essential Basics. Wie hat dieser Zwangs- oder Zweckminimalismus dein festhäusiges Analogleben manipuliert?

WB: So, wie man es erwartet: Ich habe einige Säcke zur Altkleidersammlung gebracht, Möbel ausrangiert und mein Auto weggegeben. Auf der anderen Seite habe ich mir neue Tischwäsche besorgt und zelebriere wenigstens in der Küche ein bürgerliches Leben mit allem Pipapo. Ansonsten schlafe ich auch weiterhin gerne im Zelt. Die Luft ist dort einfach besser.

MGB: Am Strand, heißt es, verschwinden die Klassen. Zumindest annähernd. Diese Theorie lässt sich anscheinend nicht auf Campingplätze übertragen. Welche Erfahrungen mit dem Sozial-Status-Ranking hast du auf den Campingplätzen gesammelt? Als Ein-Mann-Zelter warst du am unteren Ende der Show-Off-Pyramide, oder?

WB: Genau. Oben sind die modernen Wohnmobile, dann kommen die Wohnwagen mit Vorzelt, dann die Hauszelte, ganz unten befinden sich die Einmannzelte, deren Bewohner nicht nur arm, sondern auch einsam zu sein scheinen – so wie ich. Einmal sagte ein Camper aus dem Ruhrpott zu mir: „Das muss schlimm sein, wenn man mal ein großer Fernsehstar war und jetzt aufm Campingplatz leben muss, will?‟

MGB: Schöne Überleitung zur nächsten Frage: Reisen bildet, sagt man. Gilt das auch für’s Zelten bzw. Draußenschlafen?

WB: Ja, ich habe mich z. B. ausführlich mit jenen Sternbildern beschäftigt, die ich an klaren Abenden studieren konnte. Astronomie war eine meiner schlimmsten Bildungslücken; ich bin dabei, sie zu schließen.

MGB: Hat das Draußenschlafen auch deine touristische Geographie verändert? Unterscheidest du Reiseziele jetzt beispielsweise in Winnetouländer (wo man überall frei Zelten kann) und Bleichgesichter- oder Schurkenländer (wo das nicht gilt)?

WB: Ich traue mir inzwischen zu, überall zu biwakieren, und auch vor wildem Zelten scheue ich nicht zurück. Aber, zugegeben: Mindestens Island werde ich noch bereisen, und zwar wegen des Zelt-Arguments.

MGB: Glaubst du, Winterzelten könnte ein Trend werden?

WB: Langfristig durchaus. Im Winter gibt’s keine Insekten, und man schwitzt nicht so unangenehm im Zelt wie im Sommer. Außerdem: Je besser unsere Häuser isoliert sind, desto größer der Wunsch nach Weite, nach frischer Luft. Außerdem finde ich das Wohnen im Haus ab und an recht langweilig. Macht ja jeder. Fast.

MGB: Du warst in einem früheren Leben Shetlandpony und hast kürzlich die offizielle Heimat deiner Ahnen besucht: die Shetlandinseln. Was würde dich daran reizen, in einem späteren Leben nochmal Shetlandpony zu werden und zu deinen Artgenossen zu ziehen?

WB: Das friedliche Äsen, der Blick auf den Atlantik, die spektakuläre Hügellandschaft. Als Shetlandpony friert man nicht, ist robust und gesellig. Es gibt schlimmere Lebensentwürfe. 

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