Gin Diary – Episode 10

A Whiter Shade Of Pale

Jimmy machte den Wittgenstein und legte seinen Kopf in Scherben. Sein philosophisches Hauptwerk bestand aus einem Satz: Who's that girl? (Foto: Munich Globebloggers / Tara Tulpe)

Jimmy machte den Wittgenstein und legte seinen Kopf in Scherben. Sein philosophisches Hauptwerk bestand aus einem Satz: Who’s that girl? (Foto: Munich Globe Bloggers / Tara Tulpe)

(Hier geht’s zu Folge 1). Just the roses. Keep the guns. Das Graffiti auf der Mauer von Glasnevin klebte wie eine Ohrwurm-Melodie und begleitete als Mantra-Tonspur das seichte Geplätscher meines Bewusstseinsstroms. Dublins Botanic Gardens grünten etwa 3 km nördlich der vertikalen Nadelskulptur, die offiziell The Spire hieß. Reimselige Spaßtauben nannten das Ding The Stiletto in the Ghetto und The Stiffy at the Liffey. Am Ziel übergab ich dem Autopiloten. Der hatte auch keinen Plan, dafür ich alle Sinne frei. Wofür auch immer.

Diese kultivierte Planlosigkeit gefiel mir. Sie führte mich an wunderbare Ecken. Immer wieder. Entgegen meinem Ritual bewegte ich mich diesmal nicht spiralförmig und anti-clockwise zur Mitte. Ich navigierte mich geradeswegs zum Rosengarten in der nordöstlichsten Ecke, getrennt vom restlichen Garten durch den River Tolka.

Eine Frau in einem supermanblauen Kleid beugte sich über eine Rose. Sie schien den Duft mit ihrem ganzen Körper einzusaugen. Ich betrat ein Gemälde von John William Waterhouse. My sweet Rose. Ganz langsam und leise bewegte ich mich über den asphaltierten Weg. Meine Hand taste nach der Kamera. Und ließ sie gleich wieder los. Diese Intimität erforderte einen Gentleman, keinen Paparazzo. Also stand ich nur da und sah sie an.

Wie in Zeitlupe löste sie sich und wandte den Kopf zu mir. Sie lächelte. Meine Verlegenheit schwand. Sie deutete auf die Rose. „Wanna try?‟ Ich ging auf sie zu. Immer noch vorsichtig. „She’s beautiful. What’s her name?‟ „What’s in a name? That which we call a rose by any other name would smell as sweet.‟ „Cool. Nuns and Moses?‟ „Almost. Shakespeare. Anyway. The sign says Scarlet Carson.‟ Ich war wohl kurze Zeit versteinert. „Are you okay?‟ „Sure‟, sagte ich. „And what’s your name?‟ „Ravenna, but you can call me Rave.‟ „Damn pleasure. Me Jimmy‟, sagte ich und versuchte zu klingen wie irgendein Typ aus einem Tarantino-Film.

First time in Dublin, Jimmy?‟ „Positive. You aborigine?‟ „No. Wasted my youth in the middle of fucking nowhere. But since then Dublin’s my place to tea. May I show you my fave playground?‟ „Hits the spot, Rave. Cheers.‟

Sie nahm meine Hand. Es fühlte sich unerwartet vertraut an. Lag es an dieser intimen Rosen-Szene? Oder waren wir uns schon einmal begegnet? Vielleicht in einem früheren Leben? Als benachbarte Olivenbäume in Andalusien? Kirschbäume in Kyoto? Palmen auf Tahiti?

Im Palmenhaus schwappte uns warme Feuchtigkeit entgegen. Sauna mit Pflanzen. Ich mochte diese Fotosynthese-Monster mit ihren fenstergroßen Urzeitblättern. Jeden Moment konnte ein Dino seinen Kopf daraus hervorstrecken. Wir setzten uns auf die Stufen. Rave deutete auf die Plakette. The philosopher Wittgenstein sat here pretty often during his Dublin days.‟ „Promising.‟ „Indeed‟, sagte Rave und küsste mich auf den Mund. 

(Weiter zu Folge 11)

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