Gin Diary – Episode 05

Astral Weeks

„Du zuerst‟, sagte der Engel. „Ich sehe Mut in deinem Herzen.‟ „Fuck Yeah!‟, sagte Jimmy und dachte: Kauf dir 'ne Brille, Dude. (Foto: Munich Globe Bloggers/Tara Tulpe)

„Du zuerst‟, sagte der Engel. „Ich sehe Mut in deinem Herzen.‟ „Fuck Yeah!‟, sagte Jimmy und dachte: Kauf dir ‘ne Brille, Dude. (Foto: Munich Globe Bloggers/Tara Tulpe)

(Hier geht’s zu Episode 01). Next Station: Archway. Um ein Suppenhaar hätte ich den Ausstieg verpasst. Verschlungen von François Merlins Kultschundroman Le Pigeon Maltais. And my bittersweet memories. Merlin pflanzte seine Pulp-Flowers so üppig, dass es nur so roch nach scharfer Peseten-Thriller-Satire. Merlins Lieblingsfloskel „geschmeidig wie ein Raubtier‟ stand auf jeder zweiten Seite. Und die Charmeur-Sprüche seines Helden Bob Saint-Clar wickelten sich um die Bräute wie Old Shatterhands Lasso um einen flüchtigen Banditen. Ganz großes Ladykillerkino.

Auf Wichitas Farewell-Post-it reagierte ich klassisch, aber untypisch für Jimmy: In der Bar nebenan schraubte ich mir eine Handvoll Soul-repair-Gins zwischen die Synapsen. Dann entdeckte ich Le Pigeon Maltais. Vermutlich von einem Kulturtrinker liegen gelassen. Das Cover war so was von 70s-Souterrain, trasher ging’s nicht. Eine Topless-Tussi. In der linken Hand einen Serien-Bullett-Spender. Über der rechten Schulter eine Familienpackung Blaubohnen, als wäre es eine Handtasche. Nach einigen Seiten gab meine gute Laune ein Lebenszeichen. Ein Comeback im Stile von Muhammad Ali beim Rumble in the Jungle. Aura-Auferstehung de luxe. Sternzeichen Phönix, Aszendent Ripley. Mein Amüsementpegel erregte die Aufmerksamkeit einer Lady, die ein paar Barhocker weiter vor einem Flüssig-Buddha meditierte. Sie hieß Swansea. Auf ihren langen Hals passten viele Küsse.

Highgate war ein gefühltes Popvideo zu Van Morrisons Ballerina. Schwarz-weiß und in Zeitlupe floss ich zwischen den Grabsteinen hindurch. Angetrieben von einer mysteriösen Intuition, die wusste, wo das Herz des Friedhofs lag: ein Grab, das Swansea aufgefallen war. Ihr Nachname stand auf dem Stein.

Sechs Tage zuckerwatteten wir durch London, dann kritzelte Swansea ihre Adresse in den Merlin, signierte das Ganze mit einem Lippenabdruck und fuhr zurück nach Utrecht oder Rotterdam, wo sie Stadtsoziologie studierte – was immer das sein mochte. Irgendwo auf meiner weiteren Reise flog die Maltesertaube davon. Wenn mein Hintern heute einigermaßen überschaubar ist, dann vor allem deshalb, weil ich damals den größten Teil aufgefuttert habe.

Nach einer halben Stunde fand ich das Grab. Ein unbehauener glatter Stein, wie ein überdimensionaler Kiesel.

Here rests
in honored morning glory
a love
bigger than life
and dead

Phoebe Zack & Don Cameo

Born: 1993
gone: never

Eine Vase mit frisch gepflückten Mohnblumen stand vor dem Stein. Zwischen den Blumen steckte eine Postkarte. Der brennende Mann reichte mir Hand.

(Weiter zu Folge 6)

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