Gin Diary – Episode 04

Rubber Soul

„Am liebsten würde ich mich dazustellen‟, dachte Jimmy. „Ich würde weggehen wie eine Erstpressung der Rubber Soul.‟ (Foto: Munich Globe Bloggers/Tara Tulpe)

„Am liebsten würde ich mich dazustellen‟, dachte Jimmy. „Ich würde weggehen wie eine Erstpressung der Rubber Soul.‟ (Foto: Munich Globe Bloggers/Tara Tulpe)

(Hier geht’s zu Episode 01). Also doch Highgate. Das Kult-Underground-Hotel, in dem Kapital-Kalle abgestiegen war, ebenso wie Great-Train-Robbery-Bruce und his Cosmic Hitchhikeness Douglas Adams, war mein most promising Nostalgie-Flash-Theatre. Nirgendwo sonst fläzten sich so viele London-Memorys. Am Eingang zur Pimlico-Metro pfiff mir ein Plakat nach. Ich drehte mich um: Brick Lane Market. Wie konnte ich den vergessen? Früher ein Ritual. Bei jedem Londontrip schaute ich dort vorbei. Eine Mission im Auftrag meines Gerümpel-Departments. Immer alleine. Flohmärkte waren eine intime Angelegenheit. Da konnte ich niemanden brauchen. Keinen Kumpel. Keine Lady, die an einem Tisch mit Klunkern stehen blieb oder an mir zog während meiner Kontemplation vor einer amerikanischen Mono-Version der Rubber Soul.

Es war kein guter Tag für die Brick Lane. Eine Hirnhälfte suchte nach den Spuren der mysteriösen Postkarten-Lady, die andere war im Flohmarkt-Modus. Sie blockierten einander, anstatt sich gegenseitig zu befeuern. Dualtasking war noch nie mein Ding. Mit einem alten Bruce-Lee-Trick löste ich mich kurzerhand von der Lady und belegte sämtliche Slots mit meinem Knickknack-Killerinstinkt. Ich nannte ihn das dritte Auge. Damit konnte ich Dinge sehen, die durchs Raster meiner Analogfilter fielen. Okay, Theorie. Aber vor meiner monatelangen Gin-Tonic-Kur hatte es wirklich funktioniert. Nach einer Stunde wollte ich aufgeben. Jimmy nimmt den Surrender-Exit? Noch so ein Feature, das ich dem Gin-Treatment verdankte.

Gerade wollte ich mich aus dem Gedränge schälen, da signalisierte mein drittes Auge: „Match‟. Das Ding arbeitete wie die Scanner in den Agentenfilmen. Ich blieb stehen und überflog den Stand. Cuckoo clocks, and plastic socks / Lampshades of old antique leather / Nothing looks weird, not even a beard / Or the boots made out of feathers. Ein Song von Cat Stevens über den Portobello Road Market. Aber hier passte er noch besser. Brick Lane hatte mehr vom alten Amateurspirit. Es lag auf einem Stapel Bücher, umrahmt von Lampen, einem weißen Plüschhasen mit senkrechten Ohren und einer Kisten 80er-Vinyl: Le Pigeon Maltais von François Merlin. Ich schnippte dem Händler eine Messing-Queen über den Tisch. In der Northern Line schlug ich das Buch auf. Der Film begann ohne Werbung.

Ein junger Jimmy kam abends in die Pension zurück. Auf dem Bett lag ein Zettel. „Bin abgereist. Such mich nicht. W.‟ Klar, Frauen kamen und gingen wie der Pizzamann. Das war okay. Und Jimmy Walker Jr. war kein Typ, dem man einen Ring an den Finger steckte. Handschellen für Analogfuzzis, wie Broox es nannte. Aber dass Wichita sich in Luft aufgelöst hatte, traf den alten Jimmy, der damals noch sehr jung war, wie ein Ivan-Drago-Opener. Auf der Fähre nach England hatten Wichita und Jimmy einige Abenteuer ausgetüftelt. Mit einer Topfpflanze einmal durch Mexiko trampen. Auf dem Skateboard nach Paris. Im Schlauchboot die Donau runter bis zur Mündung … R.I.P. und all der Scheiß.

Broox meinte später, es liege an meiner Aura. Die habe etwas von Harmonica in Once upon a time in the West: „People like that have something inside … something to do with disappearance. Bevor sich ihr Herzrhythmus-Rowdy in Luft auflöst, verschwinden die Ladys lieber selbst.‟ Cheers, Mothersucker.

Und Le Pigeon Maltais? Der Penny-Schocker lag in der Bar nebenan. Er war so trash bien, dass er sogar Wichita verdrängte. Schundromanheld Bob Saint-Clar rettete schöne Frauen, die Welt und Jimmy.

Merci, Monsieur. Sonst wäre Jimmy Walker Jr. schon damals zu Jim Tonic geworden.

(Weiter zu Episode 5)

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