Gin Diary – Episode 01

Wish You Were Here

„Who's that girl?“, fragte sich Jimmy Walker Jr. an seinem alten Lieblingsplatz und grübelte die Wolken vom Himmel (Foto: Munich Globe Bloggers/Tara Tulpe)

„Who’s that girl?“, fragte sich Jimmy Walker Jr. an seinem alten Lieblingsplatz und grübelte die Wolken vom Himmel (Foto: Munich Globe Bloggers/Tara Tulpe)

Jimmy’s Bar hatte schon Mittags geöffnet. „Jim Tonic?“ Ich nickte. Sure. Ich war mein eigener Barkeeper. Ein trauriger Gast in einer traurigen Bar. Jimmy Walker Jr. Thirtysomething. Und schon am Ende. Ein Cowboy, dem sie das Pferd unter dem Sattel weggeschossen hatten, und der das erst bemerkte, als seine Stiefel durchgelaufen waren. Vom Countryhopper zum Flaschenspotter. Vom Der mit der Schreibmaschine tanzt zum Der vor dem Gin-Glas meditiert. Downgrade de luxe. There’s an old man sitting next to me / Making love to his tonic and gin. Billy Joel sang von mir.

Dann kam diese merkwürdige Karte. Sie fiel durch den Briefschlitz direkt vor meine Füße. Auf dem Bild zwei Männer, die sich die Hand reichen. Einer davon flambiert. Das Cover von Pink Floyd’s Wish you were here. Wie lange hatte ich die Scheibe nicht mehr gehört? Keine Ahnung. Mit dem alten Jimmy war auch der gute alte Sound verschwunden. Ich drehte die Karte. Ein Kussmund, der mich Augen voraus verschlang. Rot wie ein Inferno. Gierig wie ein Abgrund. Sonst nichts. Kein Text. Kein Absender. Nur die Anschrift und eine Briefmarke, abgestempelt in London. Mein Kopf drehte sich wie ein Tischglobus.

Ich musste raus. Den ganzen Tag irrte ich durch die Stadt. Nur Bewegung konnte meine rastlose Gedankenmaschine anhalten. Wer war die Lady? Wo fand ich sie? Und wie viel Zeit blieb mir? Meine Asphalt-Odyssee endete am Ha-Ha der Schlossmauer. Hier war ich früher oft gewesen. Wenn meine Schreibmaschine zu viel getrunken oder Ladehemmung hatte. Meine Gedanken galoppierten weiter über die Prärie. Ich sah ihnen nach. Als die Sonne ihre Spätschicht beendet hatte, ging ich ins Closing Time. Meine alte Lieblingsbar hatte sich kaum verändert. Broox war pünktlich. Mein letzter Amigo. Einer ohne Haltbarkeitsdatum.

„Wo brennt’s, Jimmy?“ Ich reichte ihm den DIN-A6-Vulkan. „Wundert mich, dass du keine Asche im Briefkasten hattest.“ Broox fächelte mit dem frankierten Erdbeben. „Die Lady brennt wie ein australisches Buschfeuer. Sehnsucht, Baby! Who’s that girl?“ Ich hob die Schultern. „Dachte, du schickst den Nebel zurück nach Avalon.“ „Sorry, Jimmy. Ich kenne nicht mal fünf Prozent deiner Ladys.“ Er schnupperte. „Blue Rose von Laura Bacio. Riecht man selten.“ Wieder dieser erwartungsvolle Blick. Wieder ein Schulterzucken meinerseits. Dieser Duft war mir schon mal in den Kopf geklettert. Ganz bestimmt. Nur wo? Wann? Welches Gesicht gehörte dazu? Der wichtigste Teil fehlte in diesem Puzzle. Endlich klopfte mich Broox aus der Nighthawks-Starre. „Verdammt, Jimmy! Such die Kleine. Bevor ihr beide verbrennt.“

(Weiter zu Episode 02)

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