Der Rapsölprinz – Ein Elbe-Abenteuer nach Charly June (5)

Unter Störchen

Once upon a time in the Panorama-Knast: Darchau, Tiefsachsen (Foto: Munich Globe Bloggers)

Once upon a time in the Panorama-Knast: Darchau, Tiefsachsen (Foto: Munich Globe Bloggers)

(Hier geht’s zu Folge 1). Die Sonne stand vier Marterpfähle hoch über dem Horizont und bedachte uns mit einem abschüssigen Kaltfrauenschulterblick, als wir endlich unser erstes Rundlingsdorf erreichten. Krummbeinig fielen wir aus dem Sattel. Da wir schon auf dem Boden lagen, bedachten wir ihn sogleich mit einem alten Indianer-Ritual, das später auch von einem römischen Betschaf-Hirten kopiert wurde, wann immer er auf dem Luftkutschen-Bahnhof Neuland betrat. Wir bissen ins Gras, oder vielmehr leckten am Pflaster. Kulinarisch betrachtet waren wir auf der Gourmet-Seite. Das Kopfsteinpflaster im gedachten Mittelpunkt des kreisrund angelegten Dorfes spielte mit einer vielschichtigen Kastanien-Muskat-Tonalität, über der sich die zartblumigen Aromen von Veilchen und Blaubeere paarten. Dagegen irritieren die Asphaltböden der Luftkutschen-Bahnhöfe für gewöhnlich mit einer sehr herben Kerosin-Note im muskulösen Körper und einer langatmigen Gummiabriebspur im Abgang.

Unser erstes Gourmetboden-Rundlingsdorf nannte sich Satemin – wie ein guter Kompromiss aus Satin und Vitamin. Wir konnten die bekömmliche Erholungsfrische des Dorfes beinahe auf der Haut spüren. Auf dem Dorfplatz stand noch die Milchbank mit einer symbolgefüllten Milchkanne darauf. Zum Gruß rieben wir kurz unsere Stirn an dem kühlen Metall der Kanne. Eine Art geheime vegetarische Blutsbrüderschaft, mit der wir uns selbst in das Dorf aufnahmen, ohne dass die Pueblossis es merkten. Sie hätten womöglich einen von uns – oder alle drei – zum Häuptling ernannt. Wer weiß, welch übermenschliche Aufgaben uns erwartet hätten: Freund und Beschützer aller Hilflosen sein, unermüdliches Abwenden von Unheil, in den Augen der Atomschurken Habgier und Hinterlist lesen und den Frieden zwischen Ost- und Westhäuten sichern. Eher was für Winnetou. Aber den hat ja der ölfrisurige Halunke Rollins vor ewigen Zeiten in die ewigen Jagdgründe gezappt. Once upon time in the Fernsehland.

Wir ritten nach Norden. Mit dem großen Floß überquerten wir den Rio Elbe. In Darchau, einem Storchennest, in dem auch vereinzelte Menschen Platz fanden, scannten wir die alte Grenze mit unserer Adler-App. Ein Stückchen flussabwärts war etwas Zaun übrig geblieben und ein Wachturm. „XXL-Knast, dieses Ostland“, räsonierte Old Zockerhand. „Absofuckinglutely Old Surehand“, sagte ich. Und Pam Hawkins fütterte unser Wort-wechsle-dich-Match mit einem sachkundigen „Boden- oder Freilandhaltung?“ Sie kannte sich aus mit Gefängnissen. Pam Hawkins hatte oft am Marterpfahl übernachtet, von dem wir sie immer wieder in skalpbrecherischen Aktionen kühn und raumgreifend befreiten.

Die Störche fühlten keine Scheu vor uns. In wenigen Metern Abstand sillywalkte einer dieser Rotbeine unbekümmert durch die Wiese wie ein Eleve bei einer Golem-XIV-Probe im legendären Bolschoi-Roboter-Ballett. Als er sich schwerfällig rudernd ins bodenlose DDR-Jeans-Blau emporschwang, hielten wir inne und sahen ihm nach. Für einen Augenblick fürchtete ich, Pam Hawkins könnte sich in den Storch hineinversetzen und das alte Wolkenwanderlied von Old Meyhand anstimmen. Doch sie blieb stumm. Andächtig folgte ihr Blick dem schwarz-weißen Punkt, der sich langsam auflöste. Stattdessen klingelte in meinem Kopf die Melodie jener Schornstein-to-go-Werbung: The river runs free across this land. As free as the men (and women – of course!) who ride beside it. Come to where the flavour isWir sandten einen letzten Winnetougruß in den Himmel. Dann ritten wir los. Irgendwo warteten Kaffee und Franzbrötchen.

(The End)

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