Der alte Mann und das Meer

Klar und weise: Mr. Brasilias letzte Gedanken zur Schönheit

Seine Hände fliegen durch die Luft wie Oscar die Supermaus: Bau-Visonär Niemeyer (Cover: Verlag Antje Kunstmann)

Seine Hände fliegen durch die Luft wie Oscar die Supermaus: Bau-Visonär Niemeyer
(Cover: Verlag Antje Kunstmann)

„In meinem Alter herrscht die Freiheit da, wo sie immer war, nämlich in meinem Kopf, denn im Kopf beginnt alles. Trotz des saudade und des Wissens um die Flüchtigkeit des Lebens heißt Glück für mich, mein Leben gemäß den eigenen Idealen und umgeben von Freunden zu verbringen.“

Oscar Niemeyer (1907-2012) leidet an der Welt. Im Leid steckt sein Antrieb. Die politische Dimension ist wichtig in Niemeyers Architektur. So wichtig wie die Ästhetik und der Raum, der das Gebäude umgibt. Alles hängt zusammen. Hässlichkeit in den Großstädten ist keine Folge von unterschiedlicher Architektur, sie entsteht durch räumliche und ästhetische Abgrenzung zwischen Armen und Reichen. Unsere Städte sind die versteinerte Angst vor Unterschieden.

Hier trifft sich der Brasilianer Niemeyer mit dem amerikanischen Soziologen Richard Sennett, der diesem Thema ein ganzes Buch gewidmet hat. Civitas. Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds. Sennett moniert die Sonnenbrillenarchitektur moderner Städte, die ganz im Gegensatz zu jenen der antiken Griechen ihre Funktionen verschleiern. Durch ihre verspiegelten Fassaden suggerieren sie eine anonyme Gleichheit und gaukeln einem vor, es gäbe keine Unterschiede. Sie sind aber Teil der Realität und dürfen nicht unsichtbar bleiben.

Auf 104 Lebensjahre zurückzublicken, ist wie auf einem Hochhaus zu stehen. 104 Etagen über dem Boden. Eine erhabene Perspektive, um zu sehen, was ist, was nicht mehr ist und was kommen wird. Old Oscar hat viel gesehen. Schönes und Hässliches, Freiheit und Unterdrückung, Paläste und Favelas. Sein Rundumblick-Buch ist dünn, zart und luftig. Nirgendwo Geschwätzigkeit, Eigenlob oder Experten-Geschwafel. Der Nachwort-Balkon von Alberto Riva beansprucht fast so viel Raum, wie Niemeyers Haupttextgebäude.

Wir müssen die Welt verändern gibt den Blick frei auf die tragenden Säulen von Niemeyers Leben: Schönheit, Gleichheit, Freundschaft, Fantasie („die Suche nach einer besseren Welt“). Und das Meer. Quasi unentmeerlich für seine Architektur. „Das Meer hat mich stets geleitet: Ein Platz zum Wohnen muss für mich nahe am Meer liegen.“ Zwischen Niemeyers Lebensnotizen sieht man Fotos seiner Gebäude und gezeichnete Entwürfe, die er seit seiner Kindheit zuallererst mit der Hand in die Luft skizziert. Schön und melancholisch wie ein leerer Strand am Meer. Saudade für die Tasche.

Oscar Niemeyer: Wir müssen die Welt verändern. Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann, Verlag Antje Kunstmann, 2013

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