Der Rapsölprinz – Ein Elbe-Abenteuer nach Charly June (4)

Im Reich der Rollenden Steine

Ausgerollt: Schwarz-roter Teppich für Old Jaggerhand & Richy the Keith - Stones Fan Museum, Lüchow (Foto Munich Globe Bloggers)

Ausgerollt: Schwarz-roter Teppich für Old Jaggerhand & Richy the Keith – Stones Fan Museum, Lüchow (Foto: Munich Globe Bloggers)

(Hier geht’s zu Folge 1). „Gimmetwo hört die Rollenden Steine von Lüchow. Die rufen ihn. Und … er … kommt.“ Eine andächtige Stille erfüllte den kleinen Raum. Immer noch sickerte Blut aus der Wunde in meiner Brust. Old Zockerhand beugte sich über mich. „Hat mein Bruder noch einen letzten Wunsch?“ Ich nickte mit den Augenlidern. Mein Bruder Schorli führe die Gefährten nach Lüchow. Dort liegen solche Rollenden Steine, wie sie suchen. „Was noch Gimmetwo?“ „Gimmetwo bittet seine Freunde, ein Lied für ihn zu spielen. Vom alten Indianer mit dem jungen Namen.“ „Welches?“ „Das Lied, das dich umfließt gleich den Wellen an einem leeren Strand.“ Pam Hawkins’ Finger flutschten über das kleine weiße Zauberkästchen. Die ersten Töne des schwermütigen Songs landeten auf meinen Antennen als kämen sie aus einer anderen Welt. Alles verschwamm vor meinen Augen. Als die Stelle erreicht war … Get out of town, / think I’ll get out of town / I head for the sticks / with my bus and friends, … ging ein konvulsivisches Rattern durch meinen Körper, ein Blutstrom sprudelte aus meinem Mund wie eine Bonsai-Ölquelle. Ein letztes Mal zerquetschte ich die Hände meiner Gefährten, dann lösten sich meine Finger. Ich war tot.

Beim ersten Kaffee des Tages sprachen wir ausgiebig über meinen seltsamen Traum. „Wir müssen ihn erst nehmen“, riet Old Zockerhand. „Gimmetwo wird also demnächst auschecken, oder wie?“ Pam Hawkins faltete ihr Gesicht. „Der sieht doch noch ganz frisch aus.“ Sie sah herüber. „Für sein Alter und 8 Uhr morgens. Jedenfalls frischer als die Milch. Wer von Euch hat sie gestern nicht in den Kältekasten gestellt?“ Old Zockerhand winkte ab. „Ich meinte Lüchow. Wir sollten dorthin, um die Rollende Steine zu suchen. Das klingt nach einem Abenteuer, wie es bei Karl May steht.“

Einige Stunden später betraten wir das Stones Fan Museum, ein rot und schwarz bemaltes Gebäude. Häuptling Immer-den-Steinen-nach führte uns persönlich durch seine Schatzkammer, in der er Reliquien der Rollenden Steine aufbewahrte. Plattenmäntel, Konzert-Verkündungen, Schallgeräte und skurrile Möbelstücke mit dem Totem der Band. Auch einige Öl (schwedisch für Bier)-Bilder, die Ron (spanisch für Rum) Wood gemalt hatte. Er konnte eben nicht nur eine Gitarre halten, auch der Pinsel lag ihm bizarr in der Hand. In der Mitte des ehemaligen Warenhauses stand ein Billardtisch. Dort pflegten einige der zerknautschten Roll-Steine ihre Finger geschmeidig zu machen, bevor sie ihre zeit-gegerbten Körper den Sonnenwerfern aussetzten.

Für Steine waren diese Leute wenig erdverbunden. Häuptling Immer-den-Steinen-nach, den seine Freunde Ulli nannten, war ein begnadeter Erzähler. Er kannte seine Geröllheimer noch besser als Charly June den Wilden Westen, den er nie betreten hatte. Ohrentönlich benahmen sich die Steine wie Manitus griechische Kollegen Zeus und Co. Pam Hawkins schlug vor, sie umzubenennen in Die Geröllenden Mimosen oder Die Schwebenden Mumien. Lachend und mit herausgestreckter Zunge verabschiedeten wir uns. „Ulli hätte so manches Lagerfeuer bereichert mit seinen Geschichten“, schwärmte Old Zockerhand und gab seinem Alu-Gaul die Sporen. Hinter uns ging die Sonne unter, doch in unseren Herzen war sie soeben aufgegangen.

(Weiter zu Folge 5)

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