Der Rapsölprinz – Ein Elbe-Abenteuer nach Charly June (3)

Durchs milde Ehemalstan

Humor-Attacke im ehemaligen Land der Ostperados: „Wir haben unsere Methoden euch zum Lachen zu bringen!“ (Foto: Munich Globe Bloggers)

Humor-Attacke im ehemaligen Land der Ostperados: „Wir haben unsere Methoden euch zum Lachen zu bringen!“ (Foto: Munich Globe Bloggers)

(Hier geht’s zu Folge 1). Vom Norden her ritten wir in die Dömitzer Altstadt und hätten die ehemaligen Rothäute zweifellos überrascht, wenn sie denn dort gewesen wären. Die Stadt war tot und leer wie ein Biergarten im Winter. Gegenüber dem Tempel des Manitu entdeckten wir einen prächtigen Tempel aus roten Backofensteinen. „Kaufhaus“ stand über dem Eingang. Dieser Tempel war den Waren geweiht. Neugierig wie alte Squaws spähten wir durch die Fenster und sahen nichts. Innen war das Kaufhaus so leer wie die holprigen Straßen davor. „Eine Geisterstadt“, dachte es laut aus Pam Hawkins’ Skalp-Halter. „Ich fürchte, hier gibt es nicht einmal Geister“, kam es unter Old Zockerhands Sombrero hervor.

Wir zurrten die Zügel der Alu-Stuten fest und trabten auf unseren Kunstleder-Hengsten weiter. Bei den Ostperados hieß die Torstraße, durch die wir in die Stadt geritten waren, noch „Straße der Völkerfreundschaft“. Damit war offenbar Schluss. Auch mit den Lichtspielen, die heute nur noch „ehemalige Lichtspiele“ hießen. Vereinzelt begegneten wir anderen Reisenden. Dömitz selbst gab keine Lebenszeichen von sich. Hatten unsichtbare Außerirdische den Ort übernommen? Vampire? Ameisen? Eigentlich war die Stadt viel zu baedekerisch, um so verlassen zu sein. Überall verbogene alte Häuschen, deren Mauern von Holzbalken durchdrungen waren. Ich dachte an Stratford-upon-Avon, die Stadt des weisen Häuptlings Wiehernde Feder.

Meine alte Seele hätte gerne noch mehr geatmet von dieser Romantik angereicherten Stille zwischen den Alleebäumen, doch die Gefährten drängten zum Aufbruch. „Ehe die Sonne zwei Fingerbreit über dem Fluss steht, sollten wir wieder in unserem Wigwam sein“, meinte Old Zockherhand. „Dein Wille geschehe, dein Wind verwehe“, sagte ich mit der schenkenden Miene und der rümpfenden Nase eines erhabenen Geistes.

Am großen Fluss entlang ritten wir eine Meile nach Nordwesten bis zur großen Brücke. Sie war die Erste, die nach der Auflösung der bleiernen Gardine über die Elbe gespannt wurde. Seither verband sie die beiden vierzig Jahre getrennten Stammesgebiete der Ostperados und Westperados, die sich nun mehr Ostwestperados nannten. „Gimmetwo hatte gehofft, bald würden alle Grenzen fallen und die Menschen einander ohne Angst, Misstrauen und Vorurteile begegnen“, sagte ich und ließ meinen Blick in der Weite der Prärie weiden wie ein schwarz-weißes Schaf. „Stattdessen wurden neue Grenzen gebaut, um Menschen mit leeren Taschen von denen mit vollen Taschen zu trennen. Und Manitu hat sich nicht mal am Arsch gekratzt. Offenbar ist er längst in die ewigen Jagdgründe ausgewandert, wohnt dort in einer noblen Villa und lässt die Geister der ertrunkenen Refugianer in seinem Garten schuften, während er mit einem Blood and Sand in der Hand hollywoodschaukelt.“

(Weiter zu Folge 4)

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