„Mit Mäusen ist Freundschaft möglich“

Ein Cowboy reitet zu Fuß von München nach Paris und rettet die Filmwelt

Eis? Nice one: „Die Regennässe steht als Gegenstand fest in der Luft.“ (Cover: Hanser Verlag, München)

Eis? Nice one: „Die Regennässe steht als Gegenstand fest in der Luft.“ (Cover: Hanser Verlag, München)

„Gleich wieder zog ich die Decke in meinem Ausstellungsbett über die Ohren, als ich sah, wie stark es draußen regnete. Bitte, nicht das schon wieder! Die Sonne verliert wohl alle Schlachten hintereinander? Erst gegen acht am Morgen brach ich endlich auf, schon um diese frühe Stunde völlig demoralisiert. Es ist ein unbarmherziges Regnen und Nässen und über dem Land liegt die allertiefste Trostlosigkeit. Hügel, Felder, Schlamm, Dezembertraurigkeit.“

Herzogs Reise ist eine Auferstehung des Cowboy-Mythos. Jene Tage, als Männer noch instinktiv wussten, wann sie ihr Pferd zu satteln hatten. Und wenn es so weit war, konnte nichts und niemand sie aufhalten. Der Nachruf auf jene Zeit kam 1968 ins Kino: Sergio Leones Once Upon A Time In The West. Sechs Jahre später, Ende November, geht Werner Herzog zu Fuß nach Paris. Drei Wochen lang ist er unterwegs. Ohne Plan. Nur mit Gefühl und Kompass. Paris ist im Westen. Sein Weg im kalten Dauerregen durch trostlose Orte und über leere Felder ist keine Panorama-Genuss-Wanderung à la Altmühltal. Was also treibt Herzog? Der Kinski-Bebilderer und Schuh-Esser will ein Leben retten. Lotte Eisner (1896-1983) – die Therese Giehse der Filmkritik – ist sterbenskrank. Herzog weiß, nur wenn er zu Fuß zur ihr geht, wird die Eisnerin ihren Showdown mit Mr. Big Sleep vertagen.

Herzog geht. Friert, hungert, humpelt. Nachts bricht er in leere Häuser und Hütten ein. In einem Wochenendhäuschen findet er ein angefangenes Kreuzworträtsel. Er löst es zu Ende. Als Andenken für die Besitzer. Einmal entdeckt er im Regen einen Raben mit eingezogenem Kopf und empfindet „ein brüderliches Gefühl“. Da sind die kleinen Freuden, die man nur erkennt, wenn man entbehren muss. Oder würde jemand, der permanent auf seine Schlauphon glotzt, die Kraniche sehen, die gegen den Wind ankämpfen und sich immer wieder in die Flug-Formation zurückkämpfen? „Wie der Regenbogen sind die Kraniche für den, der geht, eine Metapher.“

Ein schönes kleines Buch über die Notwendigkeit und die lebensrettende Kraft des Losgehens und Unterwegsseins. Einige Stellen irritieren, weil man nicht weiß, ob Herzog ein Erlebnis aus der Vergangenheit zitiert oder ob er im Kopf schon den nächsten Film dreht. Klar, der Autor hatte seine Reisenotizen nicht als Buch geplant. Aber es gab ja vermutlich in den 70er Jahren schon so etwas wie ein Lektorat. Schuhcreme drüber. Es gibt einfach zu viele Stellen, die Spaß machen. Eine davon ist, wie Herzog zwei hartnäckige französische Bullen abschüttelt, indem er das Oktoberfest droppt. Rausch verbindet. Sogar mit Flics. Gehen im Eis ist ein dünner, zäher Störenfried. Genau was das Leben um Weihnachten braucht. Nein, eigentlich immer. Ein burning Post-it, um der Couch ein paar Wochen „Adieu!“ zu sagen.

Werner Herzog: Vom Gehen im Eis. München – Paris, 1. Aufl. 1978, Hanser Verlag

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