Lord Waldemar in Austria (1)

Auf dem Holzweg: Gourmet-Waiting in Krumbach

Für ein Verhör ist immer Zeit: Russisches Buswartehäusl in Oberkrumbach (Foto: Munich Globe Bloggers)

Für ein Verhör ist immer Zeit: Russisches Buswartehäusl in Oberkrumbach (Foto: Munich Globe Bloggers)

Der Ösi hat eine eigene Wartekultur entwickelt. Das ist mir schon damals aufgefallen, in dem Attwengerfilm von 1995. Da erzählen die beiden Attwengers von ihrem Wartezimmer, wo sie sitzen und auf Ideen warten. Schaut eine Idee vorbei, gehen sie ins Arbeitszimmer. In Österreich ist Warten sogar Schul- und Studienfach. Oft genug liest man auf Visitenkarten „Mag. Vladimir Estragon“, darunter steht „Angewandtes Stand-Bying“ (österreichisch: Beidnologie). Beim europäischen Trend zur McBildung bzw. Discount-Education heißt das natürlich Master of Waiting. Die gewarteten Minuten in diesem Flachland-Studium kann man an einer angesägten Hand abzählen – falls die Leute überhaupt noch zählen lernen. Gibt sicher eine f* App dafür.

Trotzdem. Die Wartekultur steckt dem Ösi tief und fest in der Seele. Austrianier sind wahre Warte-Gourmets. Man erkennt es an der Warte-Architektur. Am Warte-Ambiente. Am Warte-Service. „Lebst du noch oder wartest du schon?“ Mit diesem Slogan wirbt die Akademie für Wartekunst in Bregenz, Vorarlberg. Quasi das Hochkaffeehaus der österreichischen Wartebewegung. Als ich kürzlich eine gewisse Leidenschaft für dieses Thema in der Redaktionskonferenz offenbarte, bekam ich gleich einen neuen Spitznamen: Lord Wartemal. Die Peterpanisierung schreitet anscheinend auch voran.

Eine Woche später stand ich aufrecht am Ortsrand von Krumbach und inspizierte die neuen Buswartehüsle (Aborigine-Speak) auf ihre Warte-Kultur-Affinität. Sieben Architekten aus Belgien, Chile, China, Japan, Norwegen, Russland und Spanien entwarfen gemeinsam mit Kollegas aus dem Vorarlberg sieben wartewegweisende Buswartevisionen. Alle sieben haben ihre Wartemomente und je nach klimatischer Beilage ihren spezifischen Wartekomfort. Und jeder Architekt erzählt zugleich ein Gschichterl von seiner eigenen Warteheimat. Das hinderte mich keineswegs, meine eigenen Wait-Visions hineinzugeheimnissen. Überhaupt: Der Bregenzerwald gefällt mir ausgezeichnet, weil sie dort so unverschämt elegant mit Holz umgehen können. In der Schule wurde ich immer vor dem Holzweg gewarnt, auf dem ich mich angeblich gerade befand. Diese Wartekulturlandschaft sagt mir, dass ein Holzweg richtig Spaß machen kann und die Lebensfreude spürbar anhebt – was ich von der Schule nie behaupten konnte.

(Weiter mit Folge 2)

Leave a Reply

You can use these HTML tags

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>