Lost in Contemplation (4)

Embraced by memories in Stockholms Millesgården

Blue Notes: The Millesgården Sky Orchestra (Foto: Munich Globe Bloggers)

Blue Notes: The Millesgården Sky Orchestra (Foto: Munich Globe Bloggers)

Habe ich die Geschichte erzählt, wie ich meinen Walkman verloren habe? Winter ’97 in Sambia. Nein? Gut so. Fragt lieber nicht danach. Ich müsste euch liquidieren. Wäre schade. Okay, vielleicht ein andermal. Passt nicht zur Stimmung dieser Geschichte. Obwohl sie auch ein wenig weltschmerzlich ist. Sie beginnt auf Lidingö. Sieht aus wie ein Stadtteil Stockholms, ist aber eine eigene Stadt auf einer eigenen Insel. Ich nenne sie „Lindigö“. Flutscht besser. Der Herserudsvägen zieht und windet sich. Also Stöpsel ins Ohr. Sound-Doping hilft immer. I caught you walking on a rainy day / And tossing petals to a pool / So keep your mind off passing hours / ‘Cause I’ll be coming for you soon. Der Rat von Pavlov’s Dog kommt zu spät. Als ich Millesgården erreiche, bin ich Gast meiner eigenen Diashow Best of the Past. Fast alle Bilder sind von unterwegs. Das Glück belohnt die Neugierigen, Leute, die ihr Bündel schnüren und den Daumen im Wind baden.

Coole Sause auf Carl Milles‘ Terrassen. Engel trompeten Freddie Freeloader. Zwei Mädchen tanzen. Zeus und Europa planschen im Pool. Ein Mann liest in den Sternen. Jemand hat den Zeitstecker gezogen. Dieser frozen moment aus Bronze, Sandstein und Granit wirft noch mehr Dias an die Wand. Lutynka. Irgendwann in den 90ern. What a crew! „It’s bigger than life“, sagten wir bei jedem piwo, das wir öffneten, bei jedem Moment unverhoffter Schönheit, der irgendwo aufblitzte wie ein irischer Sonnenstrahl, bei jeder Schnapsidee, die unser Beschäftigungstherapeut Pjotr aus der inneren Wodka-Flasche schüttete. „It’s bigger than life!“ war so inflationär wie der polnische Zloty, der mich zum ersten und bis heute einzigen Mal zum Millionär machte. Bis wir den Schein für eine Runde piwo zerrissen.

Ich ziehe die Schuhe aus. Die roten Steinplatten sind warm und irgendwie griechisch. Von der untersten Terrasse sieht man über die Meerenge Lilla Värtan hinüber zum Stockholmer Hafen Frihamnen. Wie Filmstars stolzieren die Schiffe aus Finnland und dem Baltikum über den tiefblauen Teppich. Das Blitzlichtgewitter übernimmt die Sonne, reflektiert von den grellweißen Schiffswänden. Ohne Ton. Nichts hindert die vielgestaltige Muse im Millesgården daran, mich in diese seltsame Nachsaison-Stimmung zu bugsieren, die mich sonst in Freibädern beseelt, im schrägen Licht der sinkenden Septembersonne mit ihrer sporadischen Wärme, an leeren Oktoberstränden, während ich Milan Kunderas Abschiedswalzer lese.

Carl Milles’ Party muss sehr feucht und fröhlich gewesen sein. Einige seiner bronzenen Gäste wirken ekstatisch in ihren eingefrorenen Posen. Das nackte Mädchen am Bassin sieht aus, als wehre sie sich dagegen, von unsichtbaren Händen ins Wasser geschubst zu werden. Drei Jungs, die übers Bassin springen, performen Jubelposen, die zu Carl Milles’ Zeiten (1875-1955) noch gar nicht im Umlauf waren. Luca Tonis Ohrenschrauber ist auch dabei. Wie visionär ist das denn? Die Chefs sind aber die Angel Musicians, eine Boygroup, die einheizt wie der leibhaftige Elvis. Ach was, Led Zepplin. 1970, Royal Albert Hall. Vom Sound her sind die Jungs eher Jazzer. Also Miles Davis. Live at the Plugged Nickel, Chicago 1965. Ich setze mich davor und lausche ihrem imaginären Konzert. In einem unbeobachteten Moment greife ich zur Luftgitarre. Kein Jazz ohne Session. Seelisch solide angerauscht verabschiede ich mich von meinem gefühlten Publikum mit Messis Torjubel-Geste.

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