Lost in Contemplation (2)

Tote haben eine prima Aussicht in Glasgows Necropolis

Touching like cold angel lips: Necropolis beauty (Foto: Munich Globe Bloggers)

Touching like cold angel lips: Necropolis beauty (Foto: Munich Globe Bloggers)

Ich war nicht tot – noch nicht – als ich die Seufzerbrücke (bridge of sighs) überquerte. Meine Schuhe hinterließen ihr Profil im Kurzzeitgedächtnis des Bodens. An jenem Wintermorgen hatte sich die alte Steinbrücke eine feine Schicht Raureif übergestreift. Darüber trug sie die neueste Nebel-Mode. Eindeutig Pringle of Scotland mit einem Hauch Vivienne Westwood. Es würde noch zwei Stunden dauern, bis die selbstbewusste Sonne die schüchterne Brücke verführt hatte, ihr zartes Nebel-Kleid abzustreifen. Ich war diskret und ging weiter.

Die Glasgower Totenstadt siedelte auf einem Hügel östlich des Zentrums. Unten verloren sich die Gräber zwischen den Bäumen. Hier glich der Friedhof mehr einem lauschigen Park als einem düsteren Gräberfeld. Ich verließ den Weg. Das weiße Gras knirschte wie Kekse. Hinter mir lugte die Sonne neugierig über die Mauer und klebte lange Schatten an die Bäume und Grabsteine. An einem umgekippten Steinkreuz blieb ich stehen. „Resting“ stand in großen Buchstaben darauf. Ich übersetzte es mit „kurze Pause“. Ein grabtiefes Glücksgefühl überrannte mich wie ein plötzlicher Schauer. Holden Caulfield kam mir in den Sinn, wie er am Ende des Buches „old Phoebe“ auf dem Karussell beobachtet: „I felt so damn happy all of a sudden, (…) It was just that she looked so damn nice, the way she kept going around and around, in her blue coat and all.“

Ich stand einfach nur da. Unbeweglich. Von eisblauen Lippen geküsst. Erst nach einer kleinen Ewigkeit konnte ich mich lösen. Ein kleines grünes Lämpchen in meinem Kopf sagte mir, dass ich vollständig aufgeladen war. Mit großen Schritten stieg ich den Hügel hinauf. Oben standen die opulenteren Bauten der Totenstadt. Obelisken und Ein-Mann-Schlösser, verziert mit traurigen Engeln. Die Reichen wollten auch im Tod nicht auf Statussymbole verzichten. Zu Ruinen zerfallen schien mir der einstige Prunk armseliger als die schlichten und vergessenen Gräber am Fuße des Hügels. Die hatten zudem eine Brauerei nebenan. Falls die Toten Durst hatten, konnten sie sich in der Wellpark Brewery mit Tennent’s Lager versorgen.

Ob die Nobel-Toten ihre privilegierte Lage zu schätzen wussten? Keine Ahnung. Ich genoss die Aussicht. Glasgow im Licht der aufgehenden Sonne war eine dieser Offenbarungen, die jede Reise-Strapaze wert war. „Hier bräuchte man eine Ferienwohnung“, meldete sich ein vorwitziger Gedanke. Ich wischte ihn fort. Beseelt von der lächelnden Spontan-Weisheit eines Globetrotters sagte ich zu mir selbst: „Glück lässt sich nicht recyceln.“ Mit einem Tarzanschrei dankte ich dem Friedhof für das Extra-Leben und schwang mich in die Stadt.

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