Moby Dünn: Die Jagd nach dem weißen Wurm (6)

She said Borkum, I said Watt

Hier ruht Borkums erster Walzahnarzt: Friedhof am Alten Leuchtturm (Foto: Munich Globe Bloggers)

Hier ruht Borkums erster Walzahnarzt: Friedhof am Alten Leuchtturm (Foto: Munich Globe Bloggers)

(Hier geht’s zu Folge 5). „Das ist die Salzluft”, sage ich.  „Nee, das sind die Krabbenbrötchen”, sagt Madame. Wir rätseln, warum mein Hirn ständig in abstruse Parallelwelten hinüber schwappt. Erst flüstert mir Charlie Chan seine neo-konfuzianischen Kalendersprüche ins Ohr wie ein promovierter Tinnitus, dann sehe ich einen rosaroten Riesendarm aus dem Meer steigen. Und gerade eben habe ich unbemerkt eine Fechtszene aus der Störtebeker-Legende nachgespielt.  „Nehmt dies vom König der Vitalienbrüder!” Ausfallschritt. Fuchtel, fuchtel. Zum Glück sind wir allein auf dem kleinen Friedhof am Alten Leuchtturm. Für mich eindeutig ein Piratenfriedhof. Nur weil ich auf einem Grabstein einen Totenkopf entdecke. Zwischen den Gräbern stecken noch ein paar alte und durchweg kariöse Walzähne. Eine Mahnung gegen einseitige Ernährung?  „Krabbenbrötchen!” ruft Madame. Habe ich laut gedacht? Oder sagt sie das, um mich von meinem Seeräuber-Flash zurück zu erden?

Am Abend krempeln wir die Hosenbeine hoch. Wattwurm-Watching mit dem örtlichen Watt-Herrscher Peter de Buhr. Der Mann ist mit jedem Wattwurm per du. Und mit jedem Wattwanderer. Unterhaltsames Bürschchen. Obendrein edukatorisch wertvoll. Die Kinderportionen Sand-Spaghetti, die überall auf dem feuchten Boden serviert werden, sind die darmgefilterten Hinterlassenschaften der Wattwürmer. Ein Wunder, dass es auf Borkum noch keine Wattschlamm-Diät gibt. Quasi aktive Darmkrebsvorsorge.

Barfuß durch den Schlamm. Anfangs kostet es unsere Stadtfüße einige Überwindung, aber dann wollen sie gar nicht mehr raus aus der Suppe. Vor vielen Jahren stapfte ich von Norderney durchs Watt zum Festland. Mit Socken wegen der scharfen Muschelkanten. Zog sich über Stunden und war sehr anstrengend. Manchmal reichte der Schlamm bis zu den Knien. Doch irgendwann verwandelte sich das Stapfen in Meditation. Dann gab es nur noch Weite, Glitzern und würzigen Wind. „Ostfriesisches Zen”, sagte mein Kumpel Achim damals.

Kaum spüren wir wieder solides Gras unter den Füßen, steigt die Sonne ins Watt. Im ultraposhen neonreklameroten Bikini. Madame drückt mir ein Jever in die Hand. „Flaschenpost.” Ich proste ihr zu. In ihrem einen Auge sehe ich einen kaum bekannten Monet. Vasière au soleil couchant. In ihrem anderen Auge ein gewaltiges Krabbenbrötchen.

Ende im Gelände

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