Moby Dünn: Die Jagd nach dem weißen Wurm (5)

Borkum sorgt vor

Jagdszenen auf Borkum: Der rosa Riesendarm (nicht im Bild) greift an (Foto: Munich Globe Bloggers)

Jagdszenen auf Borkum: Der rosa Riesendarm (nicht im Bild) greift an (Foto: Munich Globe Bloggers)

(Hier geht’s zu Folge 4). Ein poetisch gesinntes Wesen hat einen Haiku in den Sand gekritzelt. Nodding against / the wall, the flowers / Sneeze. Jack Kerouac. Der Mann ist herumgekommen. Und sein Geist trampt immer noch um die Welt. Verzückt vom Weltgeist zuckt mein Daumen. Ihm ist egal, dass es hier am Ende der Welt keine Autos und Schiffe gibt, die uns mitnehmen könnten. „Was is’ jetz’ mit der Sanddorn-Buttermilch?” Madame reißt mich aus meiner Inhead-Expedition.

Wir haben Glück. Das ominöse Borkum-Getränk ist leichter zu finden als der Watt-Yeti. Im Dünenbudje nördlich des Miniflughafens gibt’s Sanddorn-Eis für Madame, Sanddorn-Buttermilch für mich und Krabbeneintöpfchen für beide. „Die nautischen Einrichtungsideen füttern meinen Appetit”, sagt Madame. An Decke und Wänden hängen Rettungsringe, Fischreusen, Steuerräder und Modellsegelschiffe. Während ich nach oben sehe, stibitzt sie fast unbemerkt Brot von meinem Teller. Nebenan hat sich Kultur etabliert. Borkums FKK-Strand mit Strand-Sauna. Madames Programmvorschlag für den nächsten Sommer: Freikörper-Kino, Freikörper-Oper und Freikörper-Charity-Gala (Sonnenschirmherrin: Maja Störtebeker-Meerschaum).

Charity-Galas assoziiere ich immer mit diesem aufgeblasenen Riesenwattwurm aus rosa Kunststoff. Vor einigen Jahren lümmelte sich das Ding in einer Fußgängerzone oder Messehalle. Spontan dachte ich: bloß kein emanzipatorisches Remake von Woody Allens Was Sie schon immer über Sex wissen wollten. Dann merkte ich, dass der begehbare Wurm gar keine Filmrequisite war. Auch kein neo-avantgardistisches Techno-Party-Zelt. Es war das Modell eines menschlichen Darmes. Oha, sagte ich mir, eine dünnpfiffige Wahlkampagne der CDU, und reimte mir einen passenden Slogan zusammen. „Voller Druck für Deutschland!” Oder „Für verdauliche Politik”. Wieder lag ich daneben. Die Wurst-to-go-inside warb für Darmkrebs. Besser gesagt für Darmkrebsvorsorge. Das rührt sogar einen Analog-Romantik-Abstinenzler wie mich zu sentimentalen Fantasien: Madame und ich sitzen auf der Terrasse des Restaurants Heimliche Liebe am Südstrand. Sanft wie einen Aquarellpinsel führt das Meer die Brandungswellen über den Strand. Über ein Glas Rotwein hinweg blickt Madame mir tief in die Augen. Sie nimmt meine Hand und beugt sich herüber. In Erwartung eines Kusses schließe ich die Augen. Ich spüre ihren Mund ganz dicht an meinem Ohr. „Geh zur Darmkrebsvorsorge.”

(Weiter mit Folge 6)

2 comments to Moby Dünn: Die Jagd nach dem weißen Wurm (5)

  • A. aus B.

    Großartige Story, lieber Mobby Dünn! Und Hut ab, dass du es mit dieser “Madame” die ganze Zeit ausgehalten hast… die Königin der Unleidlichkeit, oder? ;-) Freu mich auf mehr, A. aus B.

    • Chief Chibuku

      Was erlaube A. aus B.? Auf Madame lasse ich nichts kommen außer Meer, Sand und ähhhm … Sanddornbuttermilch.
      Cheers!
      CC
      PS: Da wir keinen Mitarbeiter namens “Mobby Dünn” führen, auch nicht in den Abteilungen Carrotmobbing, Kommentarschreibermobbing, Praktikantenmobbing und Wischmopping, erlaubt sich der Autor des Beitrags, sich persönlich angesprochen zu fühlen.
      PPS: Für diesen Kommentar erhalten Sie 5 Treuekrabben. Ab 20 gibt’s ‘n Krabbenbrötchen.

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