Moby Dünn: Die Jagd nach dem weißen Wurm (3)

Charlie Chan auf Borkum

Und der Haifisch hat 'ne Fahne: Borkums Jever-Hafen "Mackie Messer" (Foto: Munich Globe Bloggers)

Und der Haifisch hat ‘ne Fahne: Borkums Jever-Hafen Mackie Messer (Foto: Munich Globe Bloggers)

(Hier geht’s zu Folge 2). Die Bedienung im Bäckerei-Café ignoriert alle Ahoi-Rufe und Zaunpfahlwinkspiele. „Versuch’s mal mit ‘Fräulein!’”, sage ich. „Die Borkis sind etikettentechnisch noch in den Fifties.” „Nee”, sagt Madame, „die Schraube ist taub wie Beton.” Zeit für einen Charlie-Chan-Klassiker. Die Kaffee-Schraube steht mit dem Rücken zu uns. Ich werfe eine 10-Cent-Münze auf den Boden. Instinktiv folgt die Schraube dem Klimpern und kann unserem Blick nicht mehr ausweichen. „Danke sehr vielmals”, sage ich mit angedeuteter Verbeugung und meinem gemeinsten Lächeln. Und zu Madame: „Wenn Geld klappert, wenige Menschen taub.” Madame weiß was jetzt kommt. Mein Lieblingssatz: „Die Trickkiste ist die Schatztruhe des Travellers.”

Borkum fördert Bescheidenheit. Die Abenteuer sind angenehm kleinformatig. Warten auf den Kaffee. Radltour zum Hafen. Pflaumige sieben Flachlandkilometer. Die Strampelmeile läuft parallel zur Straße und zu den Schmalspurschienen. Immer gerade aus. Karte überflüssig. Auf zu Mackie! Nein, nicht der Burger-Clown (den gibt’s zum Glück nicht auf Borkum). Wir fahren zur Hafenkneipe Mackie Messer. Solides Intro: Ein überdimensionales Küchenmesser steckt in der blutenden Mauer neben dem Eingang. Drinnen jevern ein paar Seebären unter maritimer Deko, draußen lümmeln sich Strandkörbe mit Plastiktischchen und Hafenblick der semi-industriellen Sorte. Wir haben freie Wahlqual. Yep, that’s my cup of tea. Zeitloser Abstellgleis-Appeal mit einer zärtlich skurrilen Note. Einen Song lang blicken wir wortlos auf den Hafen. Die kleinen Boote schaukeln zu Kevin Renicks Up in the Air. Nur schauen. Ohne Untertitel. Wie wenig es manchmal braucht, um mit dem ganzen Körper zu lächeln.

Auf dem Rückweg begleitet uns Borkums mobile Dusche. Wir strampeln wie Tornados. Zwecklos. Nach fünf Minuten haben wir Schwimmhäute zwischen den Finger wie der Mann aus dem Meer. Erinnert sich noch jemand an diesen 80er Jahre-Scheiß mit Patrick Dummy? Egal. So eine Insel ist eine Fundgrube für Gedächtnisschätze. Nicht in jeder Kiste steckt Gold. Viel öfter sind es vergammelte Taucherflossen. Hauptsache, die Gedanken kommen in Schwung. Vielleicht weil der Blick ständig aufs Meer hinaus wandert und sich die Gedanken dann in die Lüfte erheben wie die Möwen? Dafür ist das Reisen da. Ein Dosenöffner für die Gedächtnisbox und die Inspirationsschatulle. Mit Charlie Chan gesagt: „Geist wie Fallschirm: funktioniert nur wenn offen.”

(Weiter mit Folge 4)

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