Moby Dünn: Die Jagd nach dem weißen Wurm (2)

Berliner-Mauer-Tasting auf Borkum

Grauen inside: Borkums bäderarchitektonisch wertvoller, aber musikalisch bisweilen mörderischer Musikpavillon (Foto: Munich Globe Bloggers)

Grauen inside: Borkums bäderarchitektonisch wertvoller, aber musikalisch bisweilen mörderischer Musikpavillon (Foto: Munich Globe Bloggers)

(Hier geht’s zu Folge 1). Inseln sind was für Sammler. Für Komplettisten. Leute, die sich erst wohlfühlen, wenn sie von ihren Lieblingsbands alle Platten im Regal haben, von ihren Lieblingsautoren alle Bücher. Inseln – kleine, überschaubare Inseln wie die ostfriesischen – geben einem das Gefühl, sie ließen sich in einem Urlaub komplett erschließen. Keine Ahnung, was das bringen soll. Doch offenbar wirkt es beruhigend. Das ist unsere Häkchen-Kultur. Wir stellen uns Aufgaben und sind froh, wenn wir sie erledigt haben. Ein erfolgreicher Urlaub ist quasi ein abgeschlossenes Erholungsprojekt. Häkchen dahinter. Borkum vom Relax-Management her natürlich original Kindergeburtstag. Nach einer Woche jeder Aussichtspunkt, jede Pilsquelle, jedes Lustfahrtziel im Kasten.

Da ya think I’m sexy? Rod Stewart singt durch ein offenes Fenster. Ob der mal hier war? Vielleicht auf der Shrimps have more fun Tour? Ich will den Refrain mitsingen. Ein flehender Blick von Madame lässt mich verstummen. Okay. Wartet diese Insel eben bis zum jüngsten Tag auf ihre musikalische Erleuchtung. Wer so viel schönen Wind hat, braucht wohl keinen Rock ‘n’ Roll. Und sicher nicht diese ohrenflexende Kur-Soul-Heultonne, die ein paar Straßen weiter vom Musikpavillon aus Promenade und Strand ihrer Tonfolter unterzieht.

Wir flüchten zum Neuen Leuchtturm. Eindeutig die Chefsehenswürdigkeit. Rundrum ein ordentliches Stück Rasen wie ihn sonst nur bescheuerte Heldendenkmäler bekommen. Der Schatten ist eindeutig phallisch. In der Hecke auf der Westseite steht ein Stück Berliner Mauer. „Ist die echt?“ Madame macht den Test. Mit klinischer Konzentration surfen ihre Augen sekundenlang über die raue, grobporige Oberfläche. Sie nickt fachfrauisch und wedelt sich wie ein Chemiker das Aroma an die Nase. Zärtlich reibt sie ihren Finger über die Mauer und schleckt ihn ab. „Und? Original?“ Madame hebt die Hand. Ich schweige. Das ist definitiv die erste Monument-Degustation, der ich beiwohne. „Hmmm“, sagt Madame. „Trabbi-Ruß, Braunkohle, Hunde-Patrouille, Heidekraut. Alles Originalzutaten. Aber im Abgang ist auch …“ Sie reibt die Finger. „… ein wenig Möwe.“ Ich sehe instinktiv nach oben und bekomme flügelschlagartig Hunger auf Krabbenbrötchen.

(Weiter mit Folge 3)

Leave a Reply

You can use these HTML tags

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>