Zen und die Kunst, einen Trolley zu tragen (5)

Sri Lanka huldigt dem Koffer-Buddhismus

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Ein Haus wie ein Haiku: Tea bags fluttering in the wind, strange sound; ever heard a firefly fart? (Foto: Munich Globe Bloggers)

(Hier geht’s zu Folge 4). Tage vergehen. Von Erleuchtung keine Spur. Kein Glühwürmchen-Pups, kein Lichtkalorien reduziertes Flackern erleuchtet meine innere Dunkelkammer. In meinem Argwohn unterstelle ich der buddhistischen Erleuchtungsvergabestelle, sie boykottiere meine laudable Fleißbildchensammlung. Ich versuche mich abzulenken. Kurvige 50 km südwestlich von Nuwara Eliya wartet das Dorf Norwood in einem Morgenmantel aus Nebel. Im Garten des Norwood Bungalows, hinter einer Hecke versteckt, steht ein kleiner Pavillon mit Tisch und Stühlen. Ein Hideaway nach meinem Geschmack. Den schmalen Weg dorthin begleiten süß duftende Blumen mit satten Farben. Hinter den terrassierten Hügeln kratzen die Berge an den Wolken. Schade, dass keine Liane zur Hand ist. Habe große Lust, mit einem Tarzan-Schrei durch das Panorama zu schwingen. O göttliches Tee-Land! Stattdessen blättere ich im kolonialen Handbook for the Ceylon Traveller. Es ist, als drehe man an den Knöpfen einer Zeitreisemaschine.

Schon bald beflügelt mich eine neue Hypothese: Buddha und Brahma müssen als Koffer wiedergeboren sein. Nur so kann ich mir erklären, warum sich so viele Sri Lanker wie wild auf die Koffer der Touristen stürzten. Mir scheint, das Hotelpersonal begrüßt meinen Koffer – nicht mich. Im Norwood Bungalow trägt einer der Angestellten meinen Trolley auf der Schulter zum Zimmer. Dabei ließe sich dieser ganz bequem durch den ebenerdigen Flur rollen. Und eines Nachts sehe ich, wie zwei der Pagen vor meinem Koffer sitzen und meditieren. Okay, das habe ich vielleicht geträumt.

So oder so: Sri Lanka ist ein merkwürdiges Land mit einer exzentrischen Variante zweier alter Religionen. Koffer-Buddhismus und Trolley-Hinduismus. Ich treffe immer wieder nette, sympathische Leute. Doch selbst an den idyllischsten, einsamsten Orten ist man nie sicher vor den Exzessen dieser merkwürdigen Gepäck-Religion. Egal ob ich anwesend oder abwesend bin, ständig betritt jemand unter einem kaum nachvollziehbaren Dienstleistungsvorwand das Zimmer, um mein Gepäck anzubeten. Ich bezweifle, dass ich mich auf dieser Insel je richtig wohlfühlen werde. In diesem Privatsphären-Vakuum wird sich die Erleuchtung nie blicken lassen. Sie ist ein scheuer Vogel. Wie die Muse, jene treulose Souffleuse.

(Weiter zu Folge 6)

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