Zen und die Kunst, einen Trolley zu tragen (1)

Sri Lanka sammelt Koffer

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Retro Offensive: Hier schmeckt sogar der Kaffee – trotz britischer Vergangenheit. Galle Face Hotel, Colombo (Foto: Munich Globe Bloggers)

Für Globespotter ist immer Reisezeit. Fernweh? Eine chronische Beschwerde, die einem in die Seele fährt, wann immer das Murmeltier namens Alltag auch nur die Nase aus dem Bau streckt. Soweit die Theorie. Das wirkliche Reiseleben ist voll von spaßbremserischen Fragen à la Was zum Baedeker mache ich hier eigentlich? Ein Dauerbegleiter auf Langstreckenflügen, jenem Niemandsland zwischen Schlaf und Wachsein. Dort bin ich ein unbewaffneter Bankräuber, der die Welt durch eine blickdichte Strumpfhose betrachtet. Ein Ayurveda-Opfer, das mit feuchten Teebeuteln auf den Augen herumirrt.

„Coffee for you, Sir?“ Entgegen der Gewohnheit entscheide ich mich für Tee. Airline-Kaffee ist nicht wirklich großes Gourmet-Kino. Außerdem will ich wenigstens innerlich etwas früher im Teeland ankommen. Nennt sich psychologischer Zeitraffer. Alter Traveller-Trick. Der neunstündige Flug von Frankfurt nach Colombo zieht sich. Wenn ich diese fliegende Zwangsjacke nicht bald abstreifen kann, nehme ich den Fallschirm. Notfalls auch die Schwimmweste. Fühle mich wie ein kraftloser Kaugummi, der seit Tagen ausgespuckt gehört.

Mitte Juni. Die letzte Reise liegt gerade drei Wochen zurück. Das Fernweh summt so leise und gleichmäßig wie mein Notebook. Nehme es kaum wahr. Lustlos und ohne zu wissen, was ich auf Sri Lanka will, packe ich den Koffer. Wo bleiben Neugier und Vorfreude, die stets unter meiner Haut tanzen, wenn ich an London und Buenos Aires denke, an Irland und Tahiti? Nicht einmal schnöden Sammler-Ehrgeiz verspüre ich beim Gedanken an einen weiteren Pin auf der Weltkarte in meinem Basislager, meinem ersten Pin in Südasien.

Am Flughafen von Colombo entreißt mir ein Einheimischer den Rollkoffer, schiebt ihn eiligen Schrittes davon und verstaut ihn im falschen Wagen. Als ich den Koffer umgeladen habe, signalisiert der Koffermann mit einer schmierigen Geste, dass er ein sattes Trinkgeld für angebracht hält. Fuck you! Mit einer soliden Headnut strecke ich ihn zu Boden. Ach, nur im Geiste. Eins zu eins käme so eine Anti-Chill-Message nicht wirklich geschmeidig. Nicht in einem Land, wo Jahrhunderte lang Bleichgesichter als unfeine Kolonialherren gewütet haben.

(Weiter zu Folge 2)

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