„Mehr Gitarre!“, sagte das Meer (2)

Weiß-blaue Matrosen aus Rhodos

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Blaues Wasser aus Chalki: Diese Mini-Insel verdient auch einen Song oder wenigstens eine Eis-Sorte, die nach ihr benannt ist (Foto: Tauben Pics)

(Hier geht’s zu Folge 1). Unendlich oft war Tsatsikis diese Strecke gesegelt. Er genoss es. Immer wieder. Wie das Nachlassen von Liebeskummer. Tsatsikis spürte den salzigen Hauch der Freiheit auf seiner Haut. Gleich kam die Estella an der Anthony-Quinn-Bucht vorbei. Er nannte sie Freddy-Quinn-Bucht. Jedes Mal, wenn sie in Sicht kam, pfiff Tsatsikis Die Gitarre und das Meer, als stehe er unter fremden Willen, wenn nicht gar unter fremden Sternen. Skipper Michalis war ein Profi. Sprach nie mehr als nötig und überließ Tsatsikis seinen Tagträumen. Außerdem hatte Michalis den Soundtrack zu Marias Lächeln an Bord.

Als sie in Rhodos’ Hafen Mandraki einliefen, freute sich Tsasta wie der Sonnengott Helios, als ihm Zeus diese Insel schenkte. Tsasta grüßte die beiden Hirschkühe und bestaunte die funkelnden Yachten. Marias Augenlider spannten sich: kleine Segel, die fröhlich knatterten. „An die Arbeit!“ sollte das heißen. Die Altstadt von Rhodos ist ein versteinertes Epos von Homer, dachte Tsatsikis, als sie in die Ritterstraße bogen. Auf Fußsohlen massierendem Kopfsteinpflaster ging es hinauf zum Großmeisterpalast der Johanniter. Diese Leute liebten Krankenhäuser über alles. Wo immer ihre Reisen sie hin verschlugen, bauten die Johanniter ein Hospital. Das englische Wort hospitality bedeutete ursprünglich „Komm, schenk dir ein, hier gibt’s ein Hospital. Hier kannst du über die Stränge schlagen, die päppeln dich wieder auf“.

Ich war der Johanniter des Schlagers, dachte Tsasta Tsatsikis. Für jeden Ort hatte ich ein Lied. Nun werde ich meine Sangeskunst ganz allein Rhodos widmen und natürlich Chalki, der niedlichen Nachbarinsel mit dem unwiderstehlichen „Hier bleiben wir“-Hafen, dem türkisblauen Wasser und dem Taxi. Für Tsatsikis gab es kein altes und neues Rhodos, für ihn gab es nur sein Rhodos. Noch leuchtete das Blatt Papier vor ihm so weiß wie die Häuser von Embona. Doch seine Seele glühte schon santorinrot. Und plötzlich tanzte Tsatsikis an einem einsamen Strand Sirtaki als wäre der leibhaftige Alexis Sorbas in ihn gefahren, tanzte und tanzte, in einem Regen aus weißen Schoko-Rosen. Als Tsatsikis einen Monat später seine neue Single im Insel-Radio hörte, regneten sie noch immer auf ihn herab.

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