„Mehr Gitarre!“, sagte das Meer (1)

Wenn bei Rhodos der Koloss versinkt

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Rote Geranien aus Rhodos: Was für ein Schlagertitel! Schade, Nanas Rosen aus Athen waren schneller (Foto: Tauben Pics)

Tsasta Tsatsikis saß in seinem Stammrestaurant Mavrikos. Küchenchef Dimitris persönlich brachte ihm den dritten Vorspeisen-Teller. Calamari mit Safran- und Rote-Beete-Soße. Beim Zeus! Hier mit Essen aufzuhören war schlimmer als ein Rendezvous mit der begnadeten Maria Callas abzusagen. Es war einfach sterbenslecker. Diese Soßen! „Dimitris, Soßen-Gott!“, brach es aus Tsatsikis heraus. Kürzlich hatten seine Kollegen von Pink Floyd vorbei geschaut. „Ihren fürstlichen Bäuchen nach zu urteilen, lassen die auch keinen Teller vorüber gehen“, sagte Tsasta zu der geschmeidigen Blondine, die ihn eingeladen hatte. Sie lächelte geheimnisvoll und reichte ihm eine Broschüre. „Rhodos braucht ein neues Lied“, sagte sie, „eine Hymne, die gleichermaßen die Nostalgie der 60er Jahre und den Esprit einer modernen Freizeitinsel transportiert.“ Tsasta schwenkte die kleine Tasse. Ganz so, als würde ihm der Kaffeesatz bei seiner Entscheidung helfen. „Das neue alte Rhodos?“

Tsatsikis brauchte keinen Wein, um melancholisch zu werden. Und Maria brauchte nicht zu sprechen, um etwas zu sagen. Ihr Gesicht war die reinste Bibliothek. Stundenlang hätte Tsatsikis darin blättern können. Er fand sogar seine eigene Biographie. Die letzten Hits stammten aus den 70ern: Soßen von Mavrikos und Wenn bei Rhodos der blaue Koloss im Meer versinkt. Während der Militärdiktatur lebte Tsatsikis im Exil. Von dort feuerte er von Zeit zu Zeit einen politischen Schlager auf den Diktator: „O mein Papadopoulos / war eine sonderbare Clown“. Mit dem Handrücken stoppte Tsatsa eine Träne. „Du musst verzeihen …“, sagte er. Kurze Zeit später standen sie oben auf der Akropolis und blickten hinunter auf Lindos, das friedlich in der Mittagssonne döste, unter einem Laken aus blauer Sehnsucht. Dürre Esel schleppten Touristen mit Rettungsringen vom Strand zur Burg hinauf. „Komm, wir nehmen das nächste Schiff nach Rhodos“, sagte Maria mit einem Augenaufschlag, der ihn traf wie der süß-scharfe Kuss der Muse. „Bella, bella, bella Marie“, flüsterte Tsasta.

(Weiter zu Folge 2)

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