Shannon Summer. Irisches Logbuch (1)

Eine Hausbootfahrt mit Enten

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Die Lotsen gehen an Bord: Reise mit Happy Ente? (Foto: Munich Globe Bloggers)

Die Schleuse gähnt. Mit der Eile eines toten Schafs reckt sie ihre schweren modrigen Holzflügel. Es ächzt und quietscht, dass einem alten Seebär die Ohren klingeln vor Freude. Wasser schwallt herein, umspült gierig Mollys weißen Bauch und hebt sie langsam ein paar Meter an. Zwei Seichtmatrosen fummeln die Leinen von den Pollern: Brezner und Superpam, poshposh in ihrer Vivienne-Westwood-Designer-Schwimmweste. Wie Feuerzeugflammen schnalzen zwei Okay-Daumen nach oben. Der Gashebel küsst das Armaturenbrett. Molly kavalierstartet durch das Schleusentor wie eine gedopte Schildkröte. Wir nehmen die letzte scharfe Kurve des River Boyle. Dann liegt er vor uns, tintenblau und vielversprechend wie der Kuss eines rothaarigen Mädchens: Seine Majestät Lough Key, König der irischen Seen. Und der heißeste irische Sommer meines Lebens. Jeden Abend sitzen wir auf der Terrasse unseres Hausboots Molly Malone und heben die grünen Smithwick’s Dosen. Manchmal sind die Dosen auch amstelrot, doch stets harmonieren sie mit Superpams nautischen Ringelsöckchen. Ein Toast auf die gelb-rote Schnecke, die am Ende des Himmels Richtung Meer kriecht. Aus den Tiefen des Alls winken die Götter drei schicksalsgegerbten Helden zu. Zeit zum Singen. We all live in a yellow pubmarine, yellow pubmarine ...

Die Bäume am Lough Key hauen uns um. Eine Kastanie, groß wie ein Dorf. Die schweren Äste krümmen sich bis zum Boden herunter und führen wie Rampen hinauf in die Krone. Man braucht nicht Mal zu klettern. Einfach hochgehen. Brezner meint, die Kastanie sei praktisch rollstuhlgerecht. Und diese Zedern! Mächtig und freundlich zugleich. Quasi der Buckelwal unter den Bäumen. Superpam vergisst für ein paar Sekunden, dass sie schon wieder Hunger hat. Und Brezner prahlt mit dem offiziellen Namen des Gartenheckenbaums („Die heißen Thujen. Man kann auch Lebensbaum sagen …“) und wettet ein Dubliner Fünf-Euro-Pint, dass unser Exemplar mit den Riesenkraken-Armen ein Alien ist. Oder mindestens ein verwunschenes Fass Guinness. Wenn wir nur wüssten, wo wir hinküssen sollen, damit sich das Ding zurückverwandelt.

(Weiter zu Folge 2)

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